Ruhe und Ordnung – Das Sicherheitsmagazin

Bedeutendster Leak von ANON Austria bisher

Posted in Cybercrime by sicherheitwien on 26. September 2011

Die Hackergruppe Anonymus Austria landete den bisher größten Coup: Man griff das Thema Polizei auf und stellte sämtliche Wohnadressen der 25.000 Polizisten Österreichs online.

(Wien, im September 2011) Das ist eine Tat, die sich nicht zu verstecken braucht. Es ist historisch der bisher bedeutendste Leak der anonymen Hackergruppe ANON Austria, der am 25. September 2011 gelandet wurde. Aus Sicht der ANON Austria ist es ein großer Coup. Er trifft die Behörde Polizei mitten ins Herz. Es wurde die Datenbank der gemeinnützigen Polizeivereinigung IPA (International Police Association) geöffnet. Der Verein ist wie viele Polizeivereine für keine ganz großen Aufgaben zuständig. Die IPA macht dann und wann eine Tagung, zahlreiche Ausflüge, Pensionistenbetreuung und vor allem Stadtführungen, wenn ausländische Delegationen von Polizeien nach Österreich und speziell nach Wien kommen.

Der Verein IPA hat eine Webseite, die etwas altbacken wirkt und er hat eine Versanddatei mit realen Namen realer Polizisten. Die Datenbank umfasst 24.938 Namen aktiver Polizisten. Der Prozentsatz der nicht mehr aktiven oder verstorbenen Polizisten, also der „Karteileichen“, beträgt vielleicht 3 Prozent.

Die IPA-Datenbank ist die größte Polizeidatenbank in Österreich und sie ist auch im Vergleich zu anderen „polizeinahen Vereinen“, in der ausschließlich Polizisten Mitglied sind, sehr groß. Der Verein der Kriminalbeamten und deren Freunde, lange und bis zur „Team 04“-Polizeireform mehr als 90 Jahre rein auf Kriminalbeamte spezialisiert, verwaltet auf seiner Datenbank „nur“ 1.000 aktive Kriminalbeamte aus Wien, 1.000 aus den Bundesländern und 500 Pensionisten. Im Sektor der Kriminalbeamten sind 60 Sterbefälle jedes Jahr in Österreich, die nicht immer sofort aus der Datenbank gelöscht werden. Somit ist bei diesem Verein ein Fehlerintervall in der Datenbank durch „natürliche Abgänge“ von rund 3 Prozent vorhanden.

Man kann davon ausgehen, dass das Fehlerintervall der nicht mehr aktiven oder verstorbenen Polizeibeamten in der IPA-Datenbank genau die gleiche geringe Fehleranfälligkeit hat.

Der Leak der Polizeidatei ist bedeutend. Er ist ein vernichtender Schlag gegen die österreichische Polizei über die man nun scherzhaft sagen kann: Es verhält sich mit der Polizei wie mit dem Hund, dem man eine Knackwurst zur Bewachung gibt. Er wird sie essen. Zu deutsch: Das deutliche Signal des Leaks der Polizeiadressen ist, dass das Thema Datenvorratsspeicherung deswegen ein ernstes Thema ist, weil die Polizei auf ihre eigenen Adressen nicht einmal aufpassen kann.

Diesen Denkansatz verfolgt ANON Austria mit ihrer diesmaligen Demonstration. In einem früheren Artikel – über den GIS-Leak – schrieb dieses Journal in erwartungsloser Gegenwärtigkeit:

Das Bundesrechenzentrum BRZ ist das Rückgrat der Nation, es hat 700 Einzel-Computeranschlüsse. Sicherheitsstufe 3 für Mitarbeiter. Über das BRZ läuft die gesamte EDV der Republik, der elektronische Postweg aller Behörden und Gerichte. Oder: Die Wiener Firma „Silver Server“ hostet über ihre einzigartigen, unterirdischen Glasfaserringe durch Wien die Webseite der Nationalbank. Auch darauf gab es keine Angriffe.

Insoweit geht weniger Radikalität von Österreich aus als von deutschen und internationalen Aktivisten. Die Österreicher sind eher Trittbrettfahrer im großen Sog (Amazon, Postbank, US-Army, Wikileaks). Dennoch wollen sie sich profilieren und Kanten zeigen. Man darf gespannt sein, ob es bald wieder einen Schlag gegen eine Institution gibt, oder ob sich die Hacker nach dem Beweis ihres Könnens zurückgezogen haben.

ANON Austria hat sich nicht zurückgezogen und – simpel gesagt – noch einmal den Beweis ihres Könnens der Öffentlichkeit vor Augen geführt. Dieses Journal zieht den Hut.

Marcus J. Oswald (Ressort: Cybercrime)

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Kartelle knipsen Edison aus – Film über Energiesparlampe

Posted in Haushalt, Kino, Medien by sicherheitwien on 19. September 2011
In einer Energiesparlampe dürfen laut EU 5 Milligramm Quecksilber enthalten sein. Das Schwermetall ist sonst EU-weit in Haushalten verboten. EU-weit besteht ein Ausfuhrverbot für Quecksilber. Mit der EU-weiten Umstellung von Glühbirnen auf teure, aber zerbrechliche Energiesparlampen kommt das Quecksilber wieder in Haushalte. Das thematisiert ein Dokumentarfilm dieser Tage. (Foto: Sequenz Bulb Fiction)

In einer Energiesparlampe dürfen laut EU 5 Milligramm Quecksilber enthalten sein. Das Schwermetall ist sonst EU-weit in Haushalten verboten. EU-weit besteht ein Ausfuhrverbot für Quecksilber. Mit der EU-weiten Umstellung von Glühbirnen auf teure, aber zerbrechliche Energiesparlampen kommt das Quecksilber wieder in Haushalte. Das thematisiert ein Dokumentarfilm dieser Tage. (Foto: Sequenz Bulbfiction)

(Wien, im September 2011) Im Frühjahr 2010 ist in Bayern in einem Kinderzimmer eine Energiesparlampe zerbrochen. Quecksilber trat aus. Das Kleinkind verlor alle Haare und hat seither eine Glatze.

Diesen Vorfall nimmt der Dokumentarfilm „Bulbfiction“ zum Anlass, um die EU-Gesetzgebung zur Abschaffung der Glühbirne, die es seit der Erfindung von Thomas Edison 1881 gab, zu untersuchen.

2009 trat die EU-Richtlinie in Kraft, die den Verkauf von Glühbirnen stufenweise untersagt. Derzeit läuft ein „Review“ der Verordnung durch die EU-Kommission, die in 2 Jahren und elf Monaten abgeschlossen sein soll (Endvollzug 2016). Der Film folgt der Spur, warum das Verbot kam und bringt jede Menge Stimmen auf die Kinoleinwand, die die „Lichtindustrie“ beleuchten. Mit der zwangsweisen Einführung der Energiesparlampe ist dieses Produkt das einzige, das im Haushalt Quecksilber beinhaltet. EU-weit herrscht sonst Quecksilberverbot in privaten Haushalten.

Gefahren der neuen Glühbirne

Die Reise zum Filmbeginn führt den Tiroler Regisseur Christoph Mayr in die Zentrale nach Schweden zu „Ikea“. Der Möbelkonzern hat bereits seit 2010 komplett auf Energiesparlampen („Kompaktstofflampen“) umgestellt und keine Glühbirnen mehr im Verkauf. Der Leiter der Abteilung „Nachhaltigkeit“ wird kurz befragt. Lag es am Englisch oder weiß er sonst nichts: Er gibt sich schmallippig. Nein, ihm sind keine Probleme mit den verästelten, dünnhäutigen Energiesparlampen bekannt. Der Filmemacher fragt ihn in Michael Moorescher Zurückhaltung, was geschieht, wenn eine Energiesparlampe im Haushalt zerbricht. Keine große Tragödie, es sei fast kein Quecksilber drinnen. Die Befragung bei einem Massenretailer, der weltweit über 300 Filialen und über 120.000 Mitarbeitern führt, bringt nichts zu Tage, was dem Film nützt. Außer der Erkenntnis, dass Händler nicht unzufrieden über das EU-Gesetz sind. Kostete eine alte Glühbirne 60 Cent, muss man für eine neue 6 Euro auf den Tisch legen.

Regiesseur und Interviewer Christoph Mayr aus Tirol. (Foto: Filmproduktion)

Regiesseur und Interviewer Christoph Mayr aus Tirol. (Foto: Filmproduktion)

Der Film besteht aus drei Ebenen: Eine lange Schlange an Interviews veranlassen den 1970 in Innsbruck geborenen Regisseur Mayr zu einer Weltreise: Er kommt nach Shanghai, Indien, Deutschland, Schweden, Schottland, England und natürlich Brüssel. Dort führt er Gespräche, die in knappen Zügen Statements ergeben. Die zweite Ebene ist die Illustration und Bebilderung von komplizierten Vorgängen wie EU-Gesetzwerdung oder chemische Vorgänge rund um Quecksilber und Licht. Hier wendet der Film ein altmodisches Modell aus der Web 2.0-Generation an: Comicfiguren fungieren als Avatar und erklären in Sprechblasen und Grafiken die Vorgänge. Die dritte Ebene wäre die Kommentarebene des Regisseurs aus dem Off, die die Autorenschaft verbal unterstreicht und Position bezieht. Vorweg: Es ist kein Autorenfilm, daher wird auf die dritte, kommentierende, einschätzende, wegweisende Ebene fast komplett verzichtet. Es gibt keine Sprecherstimme des allwissenden Erzählers, der den Film überlagert und zusammenhält. Regisseur Mayr, der alle Interviews führt, verzichtet darauf, die Aussagen der Interviewpartner zu bewerten. Sie sollen für sich sprechen.

Seine Bewertung erfolgt über den Schnitt, die Weglassung oder die ungeschnittene Komplettstellung eines Interviews als Kunstgriff. Einmal interviewt er eine Pressesprecherin des derzeitigen EU-Kommissars für Energieangelegenheiten. Der vormalige Kommissär war nicht zu haben, der aktuelle wollte nichts sagen, weil er damals (2009) noch nicht zuständig war. So durfte die Pressesprecherin ran. Die Kamera läuft ungeschnitten durch, die Dame lässt sich vorher eine Zusammenfassung der Frage geben und fordert den Interviewer dann auf, „nun die Frage zu stellen“. Der stellt „nun die Frage“, aber im Film wird alles gezeigt, das Vor-, Haupt- und Nachspiel. Das ist eigentlich höhergradig unseriös. Weil der Regisseur die Allmacht über den Schnitt kalt ausnützt, um eine Falle zu stellen. Er schneidet nämlich nicht! Doch sonst ist der Film seriös, die Rösser gehen ihm nur dieses eine Mal durch.

Konzerne schweigen

Der Film will aufklären und einige Gesprächspartner halfen nicht mit. Philips, Osram und die Europäische Vereinigung ELC (Verband mit sieben Weltkonzernen, der 95% aller Lampenhersteller vertritt) gaben keine Stellungnahmen ab.

Schon zu Beginn klärt der Film auf: 4.4 Milligramm Quecksilber waren im zerborstenen Lampenteil, das dem bayrischen Kleinkind eine Glatze bescherte. Die EU läßt „bis zu 5 Milligramm“ zu. Der Film schaltet eine schwarze Warntafel: 5 Milligramm Quecksilber können 5.000 Liter Wasser vergiften. Bei einem der größten Hersteller „Megaman“ wird der Regisseur vorstellig und erfrägt, was 5 Milligramm bedeuten. Der Pressesprecher, der 400 Produkte aus der Firma verteidigt, kann es nicht genau erklären, ist ausweichend. Er murmelt etwas von schwarzen Schafen, die es auch gäbe. Das Gespräch bleibt wenig ergiebig.

Wie es zur EU-Richtlinie zum Kleinthema mit größter Auswirkung, nämlich der „Beleuchtung in privaten Haushalten“ kam, zeichnet der Film nach: Ab Juni 2005 gingen einige der 20.000 Lobbyisten und einige der 23.000 Beamten Brüssels ans Werk. Es wurde eine Studie in Auftrag gegeben, danach ein „Arbeitskreis“ gegründet. Der Haken: Die Grundlagenstudie für die Richtlinie erhob nur „fünf Energiesparlampen“ (eine hatte sogar 6,6 Milligramm Quecksilber), eine Methode, die ein querbefragter Wissenschafter als „gänzlich unseriös“ einstuft. Für Brüssel reichte es. Man wollte unter dem offiziellen Deckmantel der CO2-Reduktion massiv in die Haushalte von 450 Millionen Bürgern eingreifen. Der Arbeitskreis, in dem auch Industrie-Vertreter von Osram und Philips saßen, kam nach Abschluss der Arbeit Ende 2008 zu einer sogenannten „Komitologie-Entscheidung“.

Das EU-Parlament wurde nicht befragt und stimmte auch nie über die Abschaffung der Glühbirne ab, die es seit 1881 gab. Es blieb auf Ausschluss-Ebene und wurde mit Übergangsfrist 1. September 2009 Gesetz. Stufenweise muss nun die 100 Watt, dann die 75 Watt, die 60 Watt und die 25 Watt-Glühbirne vom Markt genommen werden. Die Methode der Beschlussfassung, der Mangel an einer Zweitstudie, mangelhafte wissenschaftliche Begleitung des Ausschusses, Durchpeitschen des Themas im Namen der Lichtindustrie verleiten den Film nicht zu Unrecht von einem „Kartell“ nahe an Korruption zu sprechen. Ein Wirtschaftstheoretiker wird im Film interviewt. Er nennt es „Europa der Konzerne“ und bezeichnet die Vorgänge der „Komitologie-Entscheidung“ als undemokratisch und intransparent. Im Zusammenhang kommt ein deutscher Journalist der „TAZ“ ausführlich zu Wort. Er verweist dazu auf eine lange Tradition, worüber er schon lange recherchiert und Akten wälzt: Das „Phöbus-Kartell“.

„Phöbus-Kartell“ von Osram 1924

1924 gab es dieses Kartell, in dem führend die Firma Osram tätig war. Dazu gibt es kistenweise Sitzungsprotokolle aus Genf in einem Berliner Archiv. Sinn des Kartells war, das „Licht knapp zu halten“. Internes Motto: „Verbraucher sollten nicht zu viel Licht bekommen.“ Das Phöbus-Kartell legte die „1.000-Stunden-Glühlampe“ fest. Vorrangiges Ziel war die „Reduktion der Lebensdauer“ auf 1.000 Stunden. Damalige Hersteller wie „Merkur“ waren imstande, Glühbirnen mit 5.000 Stunden Lebensdauer auf den Markt zu bringen. Sie wurden aus dem Markt gedrängt. Das Kartell habe sich offiziell 1941 aufgelöst, sei aber bis in die 90er Jahre bestanden. Wenn nicht bis heute.

Der Film zeigt auch eine Interviewpassage mit einem deutschen Erfinder aus Ende der 1980er-Jahre, der ein Patent für eine 150.000-Stunden-Glühbirne anmeldete (bei gleichem Stromverbrauch und gleicher Helligkeit). Vier Tage vor Übernahme einer Firma in Ostdeutschland, wo er in Serie herstellen wollte, starb er bei einem Flugzeugabsturz seiner Privatmaschine. Es blieb unklar, warum. Im Polizeibericht hieß es, seine Maschine sei „zu langsam geflogen“. Die alte Diskussion um die Haltedauern gibt es auch 2011: Preisen Hersteller von Energiesparlampen auf Verpackungen „Lebensdauer von 5.000 Stunden“ an, heißt das nicht und keineswegs 5.000 Stunden! Ein Wissenschafter erklärt im Film „Bulbfiction“ nüchtern, was es bedeutet: Dass „bei Versuchsanordnungen im Labor mehr als 50% länger als 5.000 Stunden halten“. 50% der Lampen können durchaus weit weniger langlebig sein. Nebenbei: 5.000 Stunden sind 208 Tage. Misst man die Lampendichte in einem durchschnittlichen Haushalt mit 15 (wovon einige Halogen-Spots sind und keine Gewindefassungen haben), gehen die Grundinvestitionen für „Energiesparlampen“ bei nur einem Drittel ordentlich ins Geld.

Harte Kritik an „Greenpaece“

Der Film „Bulbfiction“ ist kein blinder „grüner Film“, weil er Industrie kritisch ist. Er versucht die unterschiedlichen Positionen zu benennen. Mit „Greenpeace“ geht man scharf ins Gericht. Der Verein setzte sich vehement pro Energiesparlampe auf EU-Ebene ein und tanzte in vorderster Reihe mit den Konzernen. Nur am Rande: Das giftige Schwermetall Quecksilber ist in der EU im privaten Haushalt komplett verboten. Nun zieht es voll in die Haushalte ein. Man rechnet mit einem Müllberg von – täglich – 1 Million zu wechselnden Energiesparlampen. Dass die Organisation „Greenpeace“ da mitmachte, kritisiert Filmautor Mayr an mehreren Stellen in Gesprächen mit der Organisation und bezeichnet es als „falsch“. Andere Interviewpartner bezeichnen „Greenpeace“ als „Sekte“, die „ihr politisches Ding machen“. „Grünes Lobbying“ sei fälschlicherweise „gutes Lobbying“. „Greenpeace“ verfolgte die Abschaffung der Glühbirne mit „religiösem Eifer“ und nicht mit Sachverstand.

Ein deutscher Forscher zeigt in seiner Versuchsanordnung, dass die Energiesparlampe das 15-fache an Elektrosmog (Schwingungen) erzeugt wie ein Computerarbeitsplatz. Er stellt es visuell wie auch akustisch dar. (Foto: Filmsequenz)

Nach dem ersten Filmdrittel, das die Entstehung des Gesetzes analysiert, folgt ein technischer Abschnitt, der Lichtstrahlkraft und Elektrosmog der „Energiesparlampe“ wissenschaftlich vermisst. Ein deutscher Forscher bittet in seine Versuchseinrichtung und stellt in Grafiken dar, dass ein Computerarbeitsplatz „eine Einheit“ E-Smog abstrahlt, hingegen eine Energiesparlampe „15 Einheiten“ E-Smog erzeugt. Keineswegs solle man in ein Gitterbett über einem Kleinkind die ganze Nacht eine Energiesparlampe aufhängen, weil das für ein Neugeborenes eine unzumutbare E-Smog-Wolke erzeugt. Die Wolke kann man in der Versuchseinrichtung über aufgestellte Mikrophone sogar hören. Als eine alte Glühbirne zum Vergleich eingesetzt wird, ist nichts zu hören.

Unnatürliches Licht

Beim Lichtstrahl gibt es auch Unterschiede. So wird bei der Glühbirne das gesamte Lichtspektrum von UV bis Infrarot abgedeckt, hingeben bei der Energiesparlampe nur Farbspitzen von blau, grün und gelb und damit „unnatürliches“ Licht.

Es wird interessant, wenn in der EU pro Tag eine Million Energiesparlampen weggeworfen werden. Wo werden sie landen? In sogenannten Recyclingzentren in Indien, wie im Bild. Da die Energiesparlampe eine Elektronik eingebaut hat, baut man die dort aus und in Billigmarken in neue Lampen ein. Auch gegen zerbrochenes Glas hat man nichts. Man bearbeitet es mit nackten Händen. In einer Energiesparlame sind bis zu 5 Milligramm Quecksilber. Es haftet an den Innenwänden des Glases und verbreitet sich über Dämpfe. (Foto: Filmsequenz)

Der Schlussteil widmet sich dem Recycling. Eine Million Lampen werden bald jeden Tag zu entsorgen sein. Aus jeder unsachgerecht entsorgten Leuchtstoffröhre (Neonröhre) oder – nach selbem Muster gebauten – Sparlampe tritt, wenn sie zerbirst, Quecksilber (mercury) aus. Grafiken im Film zeigen, dass dadurch auch Mülltonnen kontaminiert werden. Der Film folgt einigen „Entsorgungstellen“ nach Leeds, nach Indien und nach Deutschland, die allesamt in Massen Neonröhren und bald in Massen auch Energiesparlampen entsorgen. Unfachgerecht in Indien, wo man meint, dass man ohne Handschuhe und Masken arbeiten kann und Quecksilber deshalb nicht in abgebrochenen Energiesparlampen ist, „weil man es nicht sieht.“ Dort wird herumgefummelt, Schaltkreise „wiederverwertet“, unter hygienischen Bedingungen, die eine Katastrophe sind.

Glühbirnen-Endlager wie bei Atommüll

In Deutschland gibt es ein unterirdisches Endlager für Quecksilber. Man lagert es in „Herfa Neurode“, dem weltgrößten Untertaglager für Sondermüll ein wie Atommüll. Für Quecksilber gibt es EU-weit ein Ausfuhrverbot.

All das zeigt der Film „Bulbfiction“ auf. Es geht vom Einzelereignis, dem privaten „worst case“ in einem Vierpersonenhauhalt mit zwei kleinen Kindern in Bayern im Frühjahr 2010 aus, der tatsächlich stattfand. Der Bub, der die Scherben der Energiesparlampe anfasste und nun eine Glatze hat. Dessen Familie das Haus, das kontaminiert war, verlassen musste. Die Gefährlichkeit von Quecksilber illustriert ein bayrischer Arzt: 1% aller Ratten, die eine Einheit Quecksilber verabreicht bekamen, starben. 1% aller Ratten, die eine Einheit Blei verabreicht bekamen, starben. Aber: 100% der Ratten, die eine Einheit Blei und eine Einheit Quecksilber verabreicht bekamen, starben. Darin liegt die Gefahr: Dass Personen mit Vorkrankheiten und anderen Vergiftungen nach Unfällen im Haushalt, wo eine Sparlampe platzt, sterben können.

CO2-Reduktion nur 4 Promille pro Jahr durch Abschaffung der Glühbirne

Der Film zeigt auch den Widerspruch der EU-Kommission auf. Deren Sprecherin sagt im Film, man baue mit der Richtlinie („Abschaffung der Glühbirne“) CO2 ab. Und zwar: „15 Mio Tonnen pro Jahr.“ Ein Forscher, der querzitiert wird, bezeichnet das als lächerlich wenig (für den Aufwand) und Tropfen auf den heißen Stein: Es seien 0,14% des EU-weiten Gesamtausstoßes, also 4 Promille Reduktion pro Jahr! Dreckschleuder China allein stößt pro Jahr 4.000 Mio Tonnen CO2 aus, so der Forscher.

Aus China hat indessen ein findiger Deutscher eine Glühbirne als „Kunstaktion“ fertigen lassen und zu 40.000 Stück nach Deutschland eingeführt. Es wurde ihm nachher behördlich untersagt, die Aktion „Heatball“ fortzusetzen. Er sieht seinen Kampf als Nadelstich gegen die Lobbies und Kartelle, die Glühbirnen nun um den zehnfachen Preis an den Mann bringen.

Gefährlicher Alltagsgegenstand

Der Dokumentarfilm zeigt dies alles auf. Mehr als aufzeigen kann er nicht. Die Macher hoffen indirekt auf eine Bürgerbewegung, die die alte Glühbirne wieder zurückverlangt und eine Aufhebung der Energie-Richtlinie 2005/32/EG. Ob es dazu kommt, wird man sehen. Mit Allianzen Industrie, Lobbyisten, Politiker, die das Kunststück vollbrachten, sogar „Greenpeace“ ins Boot zu holen, ist es aber illusorisch, dass die Edison Glühbirne aus 1881 ein Revival erlebt.

Der Film des 40-jährigen Tirolers Christoph Mayr zeigt auf, dass die Sparlampe große Gefahren der Gesundheit im engsten Privatraum birgt. Vor allem, wenn sie kaputt geht und entsorgt werden muss. Ein „Kit-Pack“ (Entsorgungspaket) aus Handschuhen und Dekontaminationsmittel kostet, laut Experten im Film, 120 Euro. Es ist dabei wie mit dem Sturzhelm: Hatte man einen Sturz, muss man einen neuen kaufen.

Es ist ein wichtiger Film, der sorgsamen und fachgerechten Umgang mit dem künftigen Haushaltsgegenstand Nummer eins aufzeigt: Die Energiesparlampe voller Quecksilber (5 Milligramm pro Lampe; 15-facher Elektrosmog wie beim PC-Schirm; 10 Mal so teuer wie die alte Edisonglühbirne). Premierenstart war in Österreich am 16. September 2011.

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Webseite zum Film: Bulbfiction
Kino, in dem er gezeigt wird (Gartenbaukino Wien)
In diesen Kinos läuft der Film (Österreich)
Andere Webseiten beschäftigen sich mit dem Thema Glühbirne und Licht:
Webseite der EU Kommission zum Thema Energiesparlampen
Land Salzburg Energieberatung – mit Stufenplan der Auslaufverpflichtungen der Edison-Birne
Thema Quecksilber in den Lampen (Bayrischer Rundfunk)
Heatball (Initiative aus Deutschland)

Marcus J. Oswald (Ressort: Medien, Kino, Haushalt)

Fahrraddiebstahl vor Universität – Ein Twentyniner von Gary Fisher

Posted in Diebstahl by sicherheitwien on 16. September 2011

Das Studiensemester hat noch nicht begonnen und doch finden erste Vorfälle statt. (Foto: Oswald)

(Wien, im September 2011) Ganzjährig finden Aktionen statt, die in Wien das Fahrradfahren bewerben. Fahrradständer werden aus dem Pflaster gestampft. Radfahrlotsen von der Stadt Wien aufgenommen (400 Bewerber wollen es werden, die Besten werden genommen; Parteibuch zwecklos). Die Polizei steigt wieder aufs Fahrrad um (nach Auflösung der „Fahrradpolizei“ erfolgt deren Neugründung; auf der Wiener Donauinsel wurden schon zwei Uniformierte mit Rennrad gesehen). 2012 bekommt Wien die erste Fahrradgarage beim Westbahnhof als Unterstand für 1.100 Räder (derzeit läuft eine Umfrage, wie viel es dem Radhalter monatlich Wert ist; 2 Euro im Monat oder mehr?).

Das weiß auch Bernhard Groiss. Er ist fit, fährt Rad und hat eine Marke, die bei Insidern als Mutter aller Geländeräder bekannt ist: Gary Fisher gilt als der „Erfinder des Mountainbikes“. Der Mitarbeiter des Universitätsinstituts für Geografie ist begeisterter Radfahrer und er investierte in sein Bike. Er kennt die Komponenten, pflegt sie, weiß über sein Rad Bescheid.

Der Hausmeister des Universität bringt an der Steinsäule des NIG einen Aushang an. (Foto: Oswald)

Am 13. September 2011 traute er seinen Augen nicht. Als er an diesem Tag zwischen dreiviertel Eins Mittag bis halb Drei am Nachmittag in der Universität im Neuen Institutsgebäude (NIG) war, war sein Tag erledigt. Und zwar komplett. Als er nämlich zur Tür wieder heraus kam, war sein Edel-Fahrrad weg.

Die Fahrradstellplätze wurden erst vor wenigen Monaten vor dem Neuen Institutsgebäude (NIG) um eine Spur erweitert. Die Stellplätze auf der Straße kamen hinzu, um dem Mehraufkommen der Räder während der Universitätssaison Herr zu werden. (Foto: Oswald)

Er ist schwer geschockt und fahndet fieberhaft nach dem Urhebern. Denn das Gary Fisher 29 Zoll X-Caliber kostet gut und gern – je nach Detailausstattung: 1.500 Euro. Nach oben offen!

Gesamtschau Österreich – 4,9 % Aufklärungsquote

Traurige Tatsache: Die Aufklärungsquote in Österreich bei Fahrraddiebstahl streift jene bei Wohnungseinbruch wie eine befreundete Parallele. Heitere Seite: Bei einem Wohnungseinbruch ist der durchschnittliche Schaden (je nach Inventar) 20.000 Euro, bei einem Fahrraddiebstahl im Durchschnitt weit unter 1.000 Euro. Ernste Tatsache: Bei Fahrraddiebstahl ist – laut dem Ergebnis einer Studie des Verkehrsclub Österreich (VCÖ) vom 4.April 2011 – nur „4,9 %“ Fangquote. Das heißt: 95 % aller Diebstähle bleiben für immer unaufgeklärt. In nackten Zahlen: Nur eines von 20 gestohlenen Rädern taucht wieder auf! Das liegt aber auch an der Grundeinstellung der Polizisten: Mangels extrem hohem Wert mancher Räder suchen sie erst gar nicht und verlassen sich auf Zufallsfunde. Es gibt hinter der Aufklärung von Fahrraddiebstahl in der österreichischen Polizei keine Systematik.

20.929 Diebstähle, davon 6.502 in Wien

Weitere Einbettung ins Gesamte: 2010 gab es österreichweit 20.929 Fahrraddiebstähle (minus 17 % zu 2009: 25.202; 2008: 24.348; 2007: 23.940; 2006: 23.812; 2005: 24.077), also ein Rückgang. Der VCÖ errechnete, dass alleine die gestohlenen Räder aus 2010 einer Länge entsprechen, die eine Wegstrecke von Wiener Stephansplatz bis nach Baden ergeben. Seit 2005 wurden 142.000 Fahrräder als gestohlen gemeldet. Der Gesamtschaden beträgt 50 Millionen Euro. Wien gilt als Metropole des Raddiebstahls: 6.502 Räder wurden als gestohlen gemeldet (minus 22,4 % zu 2009: 8.376).

Versicherungsbetrug beliebt

Klar ist, dass in kaum einem Sektor der Versicherungsbetrug so blüht, wie beim Rad. Es gab schon Fälle, in denen ein Rad als gestohlen gemeldet wurde und der Bruder dann damit weiterfuhr. Die Nichtkennzeichnung der Räder ermöglicht es. Die Grauzone wuchert und bedürfte einer Systematik, die das eine (Versicherungsbetrug) verringert und das andere (Wiederfinden und Zuordnen) ermöglicht.

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Gary „Mister Mountainbike“ Fisher im O-Ton über sein Masterpiece:

Eine Demonstration des „29-er“ in Comic-Form. Der stürzende Tanzbär:

Marcus J. Oswald (Ressort: Diebstahl)

Polizei niederschwellig – Türen offen

Posted in Polizei Wien, Termindienst by sicherheitwien on 13. September 2011

In der Rossauer Kaserne wird derzeit umgegraben. Bis 2012 soll dort für die Polizei eine moderne Tiefgarage mit Stromtankstellen entstehen. Am 17. September 2011 ruhen die Krallen der Caterpillar. Es ist Tag der Offenen Tür der Wiener Polizei: Es spielt das Polizeimusikorchester unter der Leitung von Ernst Zehetner. (Foto: Plakat)

(Wien, im September 2011) Zur Polizei haben viele ein unterschiedliches Verhältnis. Die Leser des Readers Digest zum Beispiel bewerten die „Polizei“ regelmäßig gut. Diese Umfragen dringen dann nach Außen und werden von der Pressestelle der Wiener Polizei mit Genuß in einer Aussendung verwertet. Dabei wundert man sich, dass es den Readers Digest überhaupt noch gibt. Und deren Leser.

Andere stehen zur Polizei nicht gut. Die Tierschutzaktivisten des VGT werden laut eigenen Angaben nach wie vor telefonberwacht. Bei einer jüngsten Demonstration, die schlagartig die Route änderte, griff die harte Truppe der Wega ein und „räumte die Demo“. Im Anschluss mussten alle Mitgeher Ausweisleistung machen. Man kann sagen, dass diese Gruppen eher den Satz von Ulrike Meinhof unterschreiben würden, die da einst auf ihre sympathische Weise sagte (am 15. Juni 1970): „Wir sagen natürlich, die Bullen sind Schweine. Wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, kein Mensch. Und so haben wir uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu reden.“ Sie fügte in diesem legendären Nachdruck eines Tonbandgesprächs hinzu: „Und natürlich kann geschossen werden.“

Mit der Polizei ist es so eine Sache. Im Grunde genommen ruft sie jeder, wenn er in einer Notlage ist oder sich in einer undurchsichtigen Lage vermeint. Zum Beispiel: Wenn man in der Nacht etwas wahrnimmt. Damit und mit diesem Schritt delegiert man zweierlei an Fremde: Eigenverantwortung und Zivilcourage. Es ist stets einfach einen „Polizeinotruf“ zu wählen und fünf Minuten zu warten, bis vielleicht eine Polizeistreife kommt. Komplexer ist es, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Doch man ist bequem und deshalb gibt es die Polizei, die derzeit das größte Nachkriegsbudget in Österreich seit Bestehen hat.

Linear-vertikale Organisation

Grundlegend ist die Polizei ein Uniformbetrieb oder wie man es anders auch nennt: Eine linear-vertikale Organisation. Rang und Namen sind gekennzeichnet, Uniformen gleich. Zivilisten haben kaum Einfluss auf eine linear-vertikale Organisation. Man bleibt unter sich. Das erzeugt mitunter das Fremdeln bei Teilen der Bevölkerung. In autokratischen Zeiten (Ständestaat 1934-38, Drittes Reich 1938-45, Besatzungszeit 1945-55) war die „Polizei“, nebenbei gesagt, immer die erste Einheit, die zur Stelle der Mächtigen war. Das Fremdeln baut sich in letzter Zeit wieder ab. Man schreibt 2011.

Mit der Zunahme von NGO-artigen Vereinen wie dem „Kuratorium Sicheres Österreich“ (KSÖ) oder niederschwelligen Zeitschriften wie „Polizei“, „Öffentliche Sicherheit“, „Die Kriminalisten“, „kripo.at“ oder „Kriminalistik“ (ein deutsches Fachblatt) und eine Neuausrichtung der Wiener SIAK (Sicherheitsakademie) in den letzten zwei Jahrzehnten baute sich das Monolithische etwas ab. Wer diese Zeitschriften und Veranstaltungen nur ansatzweise regelmäßig durchblättert und aufsucht, merkt, dass es im Polizeibetrieb viele erwachsene, politische, analytische Köpfe gibt, die sich der langen Geschichte des Polizeibetriebes bewusst sind und die es – durchaus selbstkritisch – immer wieder neu formulieren und durchdenken.

Die schlechteste Polizei ist eine mit allergrößten Kompetenzen. Das ist kein geflügelter Satz von irgendeinem Prominenten, sondern einfache Wahrheit. Eine Polizei hat theroetisch unendlich viele Maßnahmenmöglichkeiten und einen Satz voller Sanktionen im Verwaltungs- und Sicherheitspolizeibereich. Diese Gesetze werden laufend geändert und erweitert, kaum einer überblickt sie. Die schlechteste Polizei ist eine mit absolutem Durchgriffsrecht. Gerade in autokratischen Staaten (etwa auf der südlichen Halbkugel der Welt) mit simplen Erlässen ist die Polizei Dienerin der Macht und gefällt sich in dieser Rolle. In einer pluralen Demokratie wie Deutschland, Schweiz oder Österreich ist die Polizei mit weit vielfältigeren Aufgabe konfrontiert.

In 3 D-Zeiten Gummiwurscht abgeschafft

Wer Demonstrationen, gleich welcher Gruppen in Wien, mag, stellt fest, wie sattelfest in diesem Punkt die Wiener Polizei geworden ist. Stand bei „Opernball-Demos“ Anfang der 1990er Jahre bei Wiener Polizeibeamten die Gummiwurscht auf halb Sechs, also griffbereit zum Einsatz, wurde in diesem Punkt der verfassungsmäßigen Versammlungsfreiheit die Gummiwurscht komplett abgeschafft. Stattdessen wurde die sinnvolle „3 D“-Philosophie entwickelt, die da lautet: Dialog, Deeskalation, Durchsetzung. Es ist beeindruckend, wie diszipliniert sich Demonstrationsbegleiter der Polizei daran halten. Egal, ob Kurden für Özalan, Chilenen für ein besseres Bildungssystem (in Chile!) oder Iraner für Religionsfreiheit auf die Straße gehen. Und natürlich auch bei den üblichen typisch Wiener Brennpunkten wie Burschenschafteraufmärschen oder solche, die sich für Ferkel in Käfigen (Schweine) einsetzen.

Die Polizei in Wien hat viele Aufgaben und je höher der Rang, desto gebildeter und angenehmer der Polizist. Problematisch ist es im unteren Bereich wie in jedem Unternehmen. Hier gibt es in Wien den Bezirkspolizisten und solche der Sondereinheiten. Die einen sind die Praktiker, die anderen die Sportler. Eine eigene Abteilung ist die Kriminalpolizei mit ihrem Spitzeldienst. Am Sichtbarsten ist die Verkehrspolizei, die jeder kennt, weil Unfälle immer passieren. In Summe ist es schwer zu sagen, ob es eine Einheit wie „die Polizei“ überhaupt gibt. Und es ist auch schwer zu sagen, ob man die Polizei als System-Einheit der Gesellschaft mag oder mögen muss. Es gibt viele Unschärfen im Getriebe.

Es gibt im übrigen auch Menschen der Gesellschaft, die mit diesem Satz aufhorchen lassen: „Ich habe nie mit der Polizei zu tun.“ Das ist ein ganz interessanter Satz von diesen Menschen. Wer nämlich „nie etwas mit der Polizei zu tun hat“, lebt entweder völlig strukturangepasst, unsichtbar oder er nimmt „die Polizei“ nie Wahr. Er wird offenbar nie perlustriert, nie angehalten, fährt nie schwarz, kommt nie in ein Planquadrat. Der Autor dieser Zeilen verhehlt nicht, dass ihm solche Personen suspekt sind. Zu angepasst im Leben, heißt nichts. Man muss es nicht übertreiben – siehe Ulrike Meinhof im Zitat oben.

Polizei muss Reibebaum bleiben

Aber die Polizei solle stets ein Reibebaum sein, denn ihre Stellung in der Gesellschaft wandelt sich mit dieser und sie muss sich in ihren Kompetenzen stets aufs Neue hinterfragen, neu definieren und erfinden. Die Leitideen gibt ein Minister vor, praktisch umgesetzt werden sie in Österreich von 30.000 Mitarbeitern, alleine in Wien 11.000.

Am 17. September 2011 findet ein Tag der offenen Tür statt. Traditionell zeigt sich die Polizei an diesem Tag familienfreundlich, von der weichen Zuckerseite. Strategisch sind an einem solchen Tag viele Beamtinnen im Einsatz, weil auch für Kinder etwas geboten wird. Von den Diensthunden, Sandra Pires bis Rolf Rüdiger. Die Politik, die Diskussion, was die zweite Säule der Gesellschaft, die Exekutive, ist, was sie darf, was sie sein soll, bleibt an einem solchen Aktion-Tag im Innenhof der Rossauer Kaserne draußen. Es ist Zivilisten-Tag. Zivilisten haben in der Polizei nichts mitzureden.

Marcus J. Oswald (Ressort: Termindienst, Polizei Wien)

Schlechte Zeiten für Obdachlose in Waschsalon Wash Point

Posted in Einbruch by sicherheitwien on 5. September 2011

Waschsalon Wash Point im 20. Wiener Bezirk in der Rauscherstraße 14. (Foto: Marcus J. Oswald)

(Wien, im September 2011) Schlechte Zeiten brechen für Wohnungslose im Waschsalon „Wash Point“ im 20. Wiener Bezirk in der Rauscherstraße Ecke Wasnergasse an. Der Salon wurde Opfer von Kriminalität und rüstet auf. Zudem ändert man die – bisher – großzügigen Öffnungszeiten.

Alles hat einen Anlass für den Niedergang der Großzügigkeit. Der Vorbesitzer ging vor eineinhalb Jahren in Pension und er hatte ein großzügiges Gemüt. Täglich kamen – teilweise bereits um 18 Uhr – Unterstandslose mit Plastiksäcken in den Waschsalson. Sie wollten jedoch nicht für 5 Euro 50 (4 Euro 50 bei mitgebrachtem Waschpulver) einen Waschgang durchführen, sondern sie ließen sich nieder. Um zu warten, bis er Tag endet.

Ende der Großzügigkeit

Der Vorbesitzer ließ das dulden. Sein Waschsalon an der Ecke zur Adolf-Gstöttner Gasse hatte rund um die Uhr die Tore offen. Eintreten konnte jeder. Das sprach sich herum und es wurde toleriert. Es gibt 45 Waschmaschinen und Trockner und daher fiel nicht ins Gewicht, ob ein paar Leute mehr auf den Schalensitzen aus Plastik eine halbe Stunde warteten (ein Waschgang dauert 33 Minuten). Um 18 Uhr trafen, je nach Witterung und Jahreszeit, die ersten Wohnungslosen ein. Die ersten legten sich ab 21 Uhr zur Nachtruhe. In der letzten Zeit begann bei manchen die Nachtruhe schon um 18 Uhr, auch das wurde toleriert. Es ist in vielen Waschsalons Wiens bis vor wenigen Jahren so gewesen, dass ein, zwei oder drei Obdachlose mit Sack und Pack ihr „Recht auf Schlaf“ nutzten und um spätestens sechs Uhr morgens wieder aufbrachen. Sie taten niemandem etwas und alle schauten weg.

Dann gingen vor eineinhalb Jahren die Vorbesitzer in Pension. Der neue Mann, ein etwa 55-jähriger, weißhaariger Türke mit großen schwarzen Dackelaugen ist auch kein Unmensch. Er ließ die alte Tradition am Leben, denn er konnte und wollte das Rad nicht neu erfinden. Seit es in Wien öffentliche Waschsalons gibt, gibt es das Fremdschlafen. Die Videoüberwachung störte das auch nicht, denn der Waschsalon „Wash Point“ ist seit langem videoüberwacht.

Einbruch in zwei Automaten Ende August

Dann kam die letzte Woche im August 2011. Hier geschah etwas, was der Besitzer mit den Dackelaugen nicht mehr tolerierte. Es geschah ein wilder Einbruch in seinen Waschsalon. In der Nacht betraten unbekannte Täter das Lokal. Sie drehten zuerst die Videokameras zur Wand weg und verhinderten Aufnahmen. Dann brachen sie mit massiver Kraft die beiden Automaten auf. Sie dürften nicht deutsch lesen können.

Seit jeher ist es in Wiener Waschsalons so, dass dort zwar ein warmer Platz zum Ausruhen ist. Doch Geld gibt es keines, da die Kassen zwei Mal am Tag geleert werden. Das Schild hängt schon Jahre lang. (Foto: Marcus J. Oswald)

Die Täter rissen mit voller Kraft den Kaltgetränke-Automaten an der Seite auf sowie den zentralen Automaten, der die Waschmaschinen ansteuert. Den Kaffeeautomaten ließen sie unberührt. Wahrscheinlich, weil der Einwurf dort nur 50 Cent ist und wenig Geld zu erwarten ist. Die Beute waren ein paar Münzen, die abends eingeworfen waren.

Die Täter wurden nicht gefasst und auch nicht videotechnisch gut genug aufgezeichnet. Für die Polizei in der Bäuerlegasse, die nur eine Quergasse weiter ein Wachzimmer hat, ist es ein gewöhnlicher Geschäfts-ED (Einbruchsdiebstahl in ein Geschäft). Für den neuen Besitzer mit den weißen Haaren und den dunklen Dackelaugen ist es mehr.

6.000 Euro Schaden und 2.000 für neue Videoanlage

Der Sachschaden beim Cola-Automaten ist so hoch wie ein neuer kostet: 6.000 Euro. Geliefert wird er morgen, 6. September 2011. Den zentralen Wäscheautomaten konnte er selbst wieder zusammenflicken. Neu ist nun eine neue Videoanlage. Auf die Frage, was kostet, antwortet er: „2.000 Euro.“ Ein Freund steht auf der Leiter und richtet die Videokamera aus. Der Besitzer mimt den Statisten und stellt sich in die Eingangstür. Der Freund auf der Leiter schaut auf den Funkmonitor, ob Kopf und Körper ganz drauf sind. Es passt.

Der Kaltgetränkeautomat (Bildmitte) wurde mit Brecheisen aufgerissen und teilweise aufgeschnitten. Damit ist er zerstört. Der Automat rechts steuert die Waschmaschinen an. Er wurde auch aufgerissen, aber wieder repariert. Ein neuer Cola-Automat kommt am 6. September 2011. (Foto: Oswald)

„Waren Sie versichert“, frägt das Journal nach. „Ja, aber die Versicherung zahlt nur, wenn man brauchbare Kamerabilder hat“, antwortet der Besitzer etwas zerknirscht. Er wurde kalt erwischt, war immer großzügig. Mit den Öffnungszeiten rund um die Uhr, zu den Obdachlosen und zu anderen. Auch wenn es schlimmer wurde, Stichwort Alkohol und Obdachlose und Frühschläfer unter den Wohnungslosen ab 18 Uhr, drückte er ein Auge zu. Das wird nicht mehr so sein.

„Es ist kein Wohnzimmer, sondern ein Geschäftsraum“, sagt er etwas frustriert. Bisher war es Wohnzimmer. „Wir müssen nun den Geschäftsraum anders sichern.“

Daher wird sich bald auch die Öffnungszeit ändern. „Es kommt eine Tür, die sich automatisch schließt.“ Bis 24 Uhr ist dann offen, danach hat niemand mehr Zutritt. Es ist wie bei einigen Bankfoyers in Wien, die selbst für Bankomatkartenbesitzer den Zutritt ab Mitternacht verwehren.

Neue Öffnungszeit

Mit der bald neuen Öffnungszeit bis 24 Uhr ist der weißhaarige Mann mit den dunklen Dackelaugen trotzdem noch großzügig. Andere sperren früher. Der – auch bei Unterstandslosen beliebte – Waschsalon S&S am Urban Loritz Platz 6 im 7. Wiener Bezirk schließt um 23 Uhr. Fremdschläfer gibt es dort seit der Umstellung vom Rund-um-die-Uhr-Betrieb auf fixe Öffnungszeiten vor ein paar Jahren nicht mehr.

Marcus J. Oswald (Ressort: Einbruch)

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