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Stummers Marketingaktion

Posted in Ernst Walter Stummer, Veteranen by sicherheitwien on 5. Februar 2005

FOTOS FEHLEN NOCH!

Das ist Ernst Walter Stummer – der Einbrecherkönig. Er macht eine Marketingaktion, hängt Abreisszetteln für seinen Partnerkatalog auf. Hier: Beim Finanzamt in der Wiener Nussdorferstraße. (Alle Fotos: Marcus J. Oswald)

Stummers Partnerkatalog gibt es seit Anfang 2004 wieder und, wenn man es genau nimmt und dem stand-alone-Inhaber Glauben schenkt, seit 1968. Jedoch erschien das Werk aus den wilden 68ern mit langen Pausen nicht, denn der bald 67-jährige Ernst Walter Stummer lebte nicht immer in Freiheit unter Wienern.

Der Mann, seines Handzeichens Wiener Einbrecherkönig, hatte oft Künstlerpech und verlegte seinen Wohnsitz nach Stein, Garsten oder in die Wälder von Sonnberg.

Man darf es hier sagen, weil es Stummer selbst 1994 in der ORF-TV-Sendung Vera sagte und es ab 2003 in der von mir vermittelten zweiwöchentlichen Kolumne Am Schmalz in der Wiener Untergrundzeitschrift Augustin vor der stehenden Grußformel Ihr Einbrecherkönig sowieso offen aussprach: Er hat 19 Vorstrafen. In 30 Jahren Haft gab er dem Staat das, was er zuvor in 1.500 Einbrüchen anderen weggenommen hat.

Dennoch: Der Mann beherzigt den Satz von Martin Buber. Man soll die Sonne nicht untergehen lassen über seinem Zorn. Stummer trug nie jemandem etwas nach.
Wer ihn kennt, weiß: Er hat einen anständigen Kern. Und eine kindliche Sehnsucht, die da heißt: Alle sollen glücklich sein. Alle? Ja, alle. Männer und Frauen.

Hier spielt die Musik bei der Suche nach den einsamen Herzen

Daher gibt er einen Partnerkatalog mit „700 Frauen“ heraus. Diese Idee verfolgt ihn seit 1968, soeben aus der JA Stein entlassen. Mit dem Handwerk eines zweijährigen HFL-Fernlehrkurs Marketing ausgestattet arbeitete er im Mai 1968 an einem Würstelstand in Wien-Simmering. Blieben Kunden aus, setzte er sich an die Kofferschreibmaschine und tippte Adresskolonnen ein. Erzählte ihm ein Kunde, der dort stand, wo heute die U-Bahnstation Simmering liegt, dass er eine Frau sucht, verkaufte ihm Stummer seine Adresslisten um 10 Schilling. Es war ein regionales Geschäft.

Regionales Geschäft – regionales Marketing

Es ist ein regionales Geschäft geblieben. Stummer wohnt seit 1947 in der gleichen Gemeindebauwohnung im Professor Jodl Hof in Wien-Döbling. Selbst der rapide Anstieg des Zinses von 19 Schilling auf 210 Euro und langjährige Nächtigungen in Justizanstalten hielten ihn nicht davon ab, Döbling die Treue zu halten.

Startet eine Marketingaktion, zieht er um den Döblinger Gürtel samt Nebenstraßen die Runde. Ausgestattet mit seinem Büro an der Brust (Handy), ein paar Tixostreifen am Ärmel und einer Handvoll kopierter Handzettel, die Abrissstreifen haben.

Man nennt das diversifiziertes Marketing. Moderne Marketinglehre würde es sogar peer-to-peer-Marketing nennen. Gib Deine Botschaft direkt an den Endverbraucher weiter, den Du kennst. Stummer kennt seine Zielpersonen eigentlich gar nicht. Es sind Reisende in Sachen Liebe. Er hat nur eine Ahnung davon, wie sie aussehen. Und hält Ausschau. Per Anschlag sucht er Frauen.

Entwicklungshilfe beginnt im eigenen Land. (Foto: MJO)

Stummer-Methode: Frauen können im Partnerkatalog kostenlos inserieren. Den Katalog kaufen dann Männer, die in Kleinanzeigen davon lesen, dass es einen Partnerkatalog gibt. Stummer schaltet Kleinanzeigen in den Zeitungen Kurier, Kronen Zeitung oder Heute für gutes Geld und hofft, dass Männer auf die Inserate ansprechen, die in der Rubrik Partnerschaften erscheinen, und einen Katalog für 20 Euro kaufen. Innerhalb Wiens stellt Stummer den Katalog persönlich bis zur Wohnungstüre (!) des Frauensuchenden zu und inkassiert 20 Euro bar. Bares ist Wahres. In den Bundesländern schlägt er 6 Euro Nachnahmegebühr auf, um die Versandkosten zu decken.

Gratisdameninserate – Männerkatalogkäufer – Heirat

Die Zetteln, die Stummer auf den Straßen Wiens in Wildplakatiermanier hängt, bilden die Basis der Unternehmensidee und Stufe eins: Die Zetteln sollen „Gratisdameninserate“ in seinen Partnerkatalog bringen. Stufe zwei: Der Katalogkäufer kann eine der „700 Damen“ nach Passbild „aussuchen“, die Frau anrufen oder ihr schreiben. Stufe drei wäre Heirat! Freilich: Es ist nicht sicher, dass eine Heirat auch zu Stande kommt. Dafür ist der Verlust von 20 Euro auch nicht so groß, meint Stummer.

Vertriebsachse – Kleinanzeige: Marketingfuchs Stummer weiß aus Erfahrung, dass das Produkt in den richtigen Zeitungen inseriert werden muss. Kundenfang via Kleinanzeige hat die Konkurrenz des freien Internets im Nacken. Doch die alte, traditionelle Methode wirkt immer noch, wenn gewußt wo.

Kürzlich inserierte Stummer in der Wiener Tageszeitung Der Standard ein und dieselbe Kleinanzeige acht Mal in Serie. Das kostete 120 Euro. Er erhielt exakt drei Anrufe ohne Umsatzergebnis. Falsches Blatt für seine Interessen. Anfang Februar erhielt er die Jänner-Abrechnung der Gratistageszeitung Heute, die in 82 Wiener U-Bahnstationen gratis aufliegt. Stummer investierte 200 Euro im Kleinanzeigenteil des Blattes, Rubrik Partnersuche, mit Text: „Singlekatalog – Ladygratisbox – Tel: 0699 110 890 80“. Er erhielt kaum nennenswerte Reaktionen. Falsches Blatt.

Am besten, weiß Stummer, greifen Inserate im Kurier und in der Kronen Zeitung. Nach einem Sonntagsinserat in der Kronen Zeitung für 22 Euro tritt ein, dass er am Montag fünf bis acht Partnerkataloge nach ganz Österreich verschicken muss. Besonders nach Niederösterreich und in die Steiermark, wo das Boulevardblatt am Sonntag besonders stark gekauft wird.

Die Großmutter des Herausgebers wohnt in einem kleinen Ort in Niederösterreich in einem Haus, in dem nur zwei Mieter leben. Kürzlich sah ich die Bestelllisten zu Stummers Partnerkatalog und bemerkte durch Zufall eine Bestellung an die Hausadresse meiner Großmutter. Der Nachbar hatte bestellt. Der Mann ist ein einfach-gebildeter Landmensch, schlank bis dünn, um die 45 Jahre alt. Er lebt alleinstehend in einem Ort, der 800 Einwohner hat. Er ist Bauarbeiter oder arbeitslos.

Das Haus liegt zwanzig Meter vom Kirchturm entfernt. Man geht zur Haustür hinaus, fünf Meter über die Straße und die Steintreppen hoch zur Kirche. Alle 15 Minuten hört er das Glockengeläut in der Wohnung. Die Bestellung von Stummers Partnerkatalog aus Wien half ihm nichts. Der soziale Rettungsring der Zweisamkeit um 26 Euro brachte den guten Mann um keinen Schritt weiter, wenn ich richtig informiert bin.

Was sind das für Frauen, die der Wohnungsnachbar meiner Großmutter heiraten könnte? Die „700 Frauen“ in Stummers Partnerkatalog stammen großteils aus der kürzlich von einem Tsunami erfassten Region. Kindliche Gesichter im erwachsenen Alter aus Thailand und Philippina. Aber auch Frauen aus China, die teilweise in Österreich leben und im Chinarestaurant arbeiten. Zudem finden sich gestandene bis reife Damen aus Russland und Georgien, die einen Österreicher heiraten möchten, im Katalog. Die Passfotogaleria ist lang und breit.

Das ist also Stummers Geschäft. Interessant, dass er dabei gar nichts verdient. Denn er verlangt keine Vermittlungsgebühr, weil er auch keine Vermittlung durchführt. Er stellt einen Katalog her und verkauft ihn um 20 Euro.

So hängen viele einsame Abreisszettel in Wien. An der Mauer des Finanzamts, in den Wartehütten der Wiener Linien, in U-Bahn-Stationen und auf Wiener Plakatwänden. Das Meinungsforschungsinstituts IMAS stellte fest: Jeder fünfte Österreicher fühlt sich einsam.

Dieser Zettel kann der Beginn einer neuen, großen Freundschaft werden.

Marcus J. Oswald (Ressort: Verteranen, Ernst Walter Stummer)

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