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Wiener Kriminalautor Leo Frank: Geboren vor 80 Jahren (1925 – 2004)

Posted in Nachgesang, Veteranen by sicherheitwien on 17. August 2005

(Wien, im August 2005) Vor 80 Jahren wurde der Kriminalautor Leo Maier, alias Leo Frank geboren. Der Herausgeber des Online-Journals „Blaulicht und Graulicht“ besuchte ihn in seinem „erschriebenen Domizil“ in Bad Ischl aus Anlass seines 70. Geburtstages. Es wurde ausführlich gesprochen und ein langer Spaziergang gemacht. Es erschienen 1995 in acht österreichischen Zeitungen aus der Edelfeder des Marcus J. Oswald würdigende Betrachtungen auf ein bewegtes Kriminalistenleben.

Heuer wäre Leo Frank, wie sich der Polizist im Künstlernamen nannte, der während seiner Dienstzeit 15 Romane verfasste, 80 Jahre alt geworden. Er erlebte es nicht mehr und starb im Jahr 2004 im Alter von 79 Jahren.

Der Autor und sein Zuhörer: Vor zehn Jahren.
(Foto: Peter Pölzl 1995/Archiv Oswald, Repro: MJO)

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„Pülcher gehen nicht zur Kirche!“ (Leo Frank, Kriminalautor, Wien/Bad Ischl)

„Wo findet man die Pülcher? Sicher nicht in der Kirche!“, pflegte Leo Frank über die Mentalität des Kriminellen zu sagen. Daher saß er stets dort, wo man etwas über Kriminelle hört: Espressi, Spielercafes, Rotlichtlokale. Der gebürtige Wiener Leo Maier blieb hemdsärmelig und trug als Staatsbeamter einen Künstlernamen: Leo Frank. Auch sonst war er kein Heiliger: Er trank seine Gspritzten Weiß mit Genuss und rauchte in seiner besten Zeit, also bis zuletzt, drei Schachteln „Milde Sorte 100“ mit Hingabe. Am 21. März 2004 starb der Polizei-Literat, schrullige Ermittler und vermutlich produktivste österreichische Kriminalschriftsteller der Gegenwart in seiner Wahlheimat Bad Ischl im hohen Alter. Von Marcus J. Oswald.

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Wieso ein gestandener Wiener, der die ganze Welt auf Ermittlungstouren bereist hat, ausgerechnet in Bad Ischl seinen Alterssitz aufschlägt, erklärte er im Vertrauen so: „Erstens die Luft. Zweitens das Grün. Und drittens waren die alten Habsburger a kane Trotteln.“ Aus dieser nüchternen Einschätzung klingt bereits der Meister der Selbstironie und Lakonik durch. Am Fuße der Kathrin im südlichen Salzkammergut, wo im Sommer hübsche Operette gespielt wird, erwarb er 1984 ein Haus, das er mit Frau und Hund bewohnte. Das Haus mit prächtigen Büschen im Vorgarten, „damit nicht jeder herein schauen kann“, hatte eine Besonderheit: Es war „erschriebenes Eigentum“. Weder Erbpacht noch Produkt geduldigen Stillhaltens auf dem kurzen Dienstweg in die Beamtenpension, sondern aus Honoraren bezahlt, die er für 15 Romane (3.200 Druckseiten) hart erschrieben hat.

Polizist und „Abendschriftsteller“

Leo Maier war nie bloß Ermittler, sondern auch „Abendschriftsteller“. Das war nicht immer so. Aber absehbar. Ab der Nachkriegszeit las der wortgewandte Polizist, der neben englisch auch russisch sprach, Kriminalromane. Die Knüllerproduzenten Arthur Hailey, Wright Morris und John Le Carré gehörten zu seinen Favoriten. An diesen Bestsellern störte ihn, dass sie spannend waren, aber die Realität der Kriminalität nicht zeigten, „wie sie wirklich ist“. Nach seiner Ansicht muss ein Kriminalroman „die Stimmung auf einem Koat (=Kommissariat) erheben.“ Übertriebene Action als Gestaltungsprinzip lehnte der weißhaarige Mann ab, der in 35 Jahren Dienstzeit kein einziges Mal von der Waffe Gebrauch machte.

„So wie im ‚Alten‘ redet kein Kriminalbeamter.“ (Leo Frank, Kriminalautor, Wien/Bad Ischl)

Sedative Kammerspieldialoge a‘ la Kommissar Kress lagen ihm jedoch ebenso wenig: „So wie im ‚Alten‘ redet kein Kriminalbeamter“. Ein gewisser derber Sprachwitz sollte schon sein. Er plante, es besser zu machen und wollte möglichst bald Romane schreiben.

Kriminaloberst Leo Maier alias Leo Frank 1995 an seinem 70. Geburtstag in Bad Ischl (OÖ).
(Foto: Peter Pölzl/Kriminalfacharchiv Oswald, Repro: MJO)

Seine frühen Leser blieben noch Beamte im Innenministerium. Maiers Protokolle kamen gut an, sodass man ihn 1961 als „offiziellen Berichterstatter“ zum Adolph Eichmann-Prozess nach Jerusalem schickte. Der Prozess dauerte fünf Monate. Leo Maier, 35 Jahre alt, berichtete täglich Details vom internationalen Verfahren. Unter anderem ging es darum, ob Eichmann Österreicher oder Deutscher war (er war Deutscher).

Ab 1962 wollte Leo Maiers Polizist und Autor in Einem sein. Doch bis zum ersten Buch musste er noch 17 Jahre warten. Es wäre nicht Maier gewesen, hätte er nicht dann aus dem Vollen geschöpft: 1979 veröffentlichte er, nun schon „Leo Frank“, den 260 Seiten Roman „Der programmierte Agent“ über einen Journalisten, der zum Eichmann-Prozess geschickt wurde und sein Gewissen befragt (Maiers Vater war NSDAP-Mitglied). Im Roman hat auch Simon Wiesenthal einen Auftritt.

Nach der Israel-Reise und dem Eichmann-Prozesswar er wieder Staatspolizist in Linz. Er ging in Simon Wiesenthals Linzer Büro aus und ein, pflegte Kontakte zu anderen Geheimdiensten. Es war die Zeit des Kalten Krieges. 1967 knickte die Karriere: Er stolperte über eine Informations-Affäre rund um die „VOEST“. Man verdächtigte den 41-Jährigen, vertrauliches Material an ausländische Nachrichtendienste geliefert zu haben.

Die überregionale, SPÖ-nahe „Arbeiter Zeitung“ titelte am 13. Jänner 1967 auf Seite 1: „Spionage Skandal – Streng Geheim – Super James Bond überführt!“ „Super James Bond“ war Leo Maier. Die Berichterstattung des Parteiblattes hatte natürlich auch eine politische Schlagseite gegen die Administration der ÖVP-Alleinregierung (1966-1970). Doch Maier war nicht mehr zu halten und wurde aus der Schusslinie genommen. Da man bei der Polizei Personal nicht kündigt, sondern „versetzt“, wurde Maier versetzt. Er kam ins Kriminalkommissariat Meidling.

Im Wien des Jahres 1967 regierten die Schmutzer-Buam, die Krista und Angerler über das Schattengeschäft der Kriminalität und das Nachtgeschäft. Im zwölften Hieb (=Bezirk) boomten Glückspiel, Diebstahl und Hehlerei. Maier fing nun ein halbes Jahr lang Juwelendiebe und ermittelte in Sexbars am Gaudenzdorfer Gürtel. Als man eine Versetzung ins ferne Zypern anbot, stimmte er nicht unwillig zu. Er sollte als Kripo-Chef der österreichischen UN-Truppe vier Mal so viel verdienen wie im Wiener Kriminaldienst. Es wurde ein leiser Abschied. Zwischen 1967 und 1974 war Leo Maier oberster Kriminalist in Nikosia.

Freizeit in Zypern: Let’s be Frank!

Nun begann sein zweites Leben als Autor. In Zypern fand er heraus, „dass sich der Dienst vom normalen Polizeijob in unserer Heimat grundlegend unterscheidet: Wir haben viel mehr Freizeit.“ Der Langeweile hätte er mit zwei Dingen begegnen können: Sport und Whisky. Er wählte einen dritten Weg: Schreiben. Die Schreibmaschine nutzte er fortan nicht bloß für Aktenvermerke. Die Kunstfigur „Leo Frank“ war geboren. Bald lagen drei Romane in der Schublade.

Kriminalschriftsteller Leo Frank - siebzig Jahre alt.
(Foto: Peter Pölzl/Archiv Oswald, Repro: Marcus J. Oswald)

Die Verlagssuche gestaltete sich für den Neo-Autor kompliziert. Als Beamter bot er seine Manuskripte vorerst österreichischen Verlagen an und erhielt Absagen. Dann spielte er den kriminalistischen Trick: Er klebte einen durchsichtigen Faden zwischen Seite 50 und 150 seines Manuskripts und bekam die Bestätigung, dass das Buch nicht einmal durchgeblättert wurde. Nun endete sein Patriotismus. Er nahm Kontakt mit deutschen Verlagen auf. 1976 brachte er Münchner ,,Langen-Müller“ den ersten Roman ,,Die Sprechpuppe“ heraus.

1974 kam Leo Maier nach Österreich zurück. In der Kriminalpolizei Linz war er zuerst als Leiter im Gewaltreferat, dann im Sittenreferat, dann im Mordreferat. Ab 1980 leitete er alle Referate, war oberster Kriminalist der Stadt und Herr über 142 Ermittler. Er war Mitte 50, mit allen Salben geschmiert, gewiefter Taktiker und Praktiker, der die Schwächen der menschlichen Seele kannte. Die Aufklärungsquote mit 85% blieb österreichweit einsamer Rekord.

Heute noch erstaunt, dass eine Laufbahn als Chefermittler und Kriminalautor überhaupt möglich war. Undenkbar, dass Max Edelbacher, langjähriger Chef des Wiener Sicherheitsbüros, Romane zu Fällen, die er als Beamter bearbeitete, am Fließband produziert hätte. In Linz sahen alle gekonnt weg. „Leo Frank“ war schnell ein lokaler Star und gehätschelter Liebling der Medien, der alle Freiheiten genoss. So lebte er seine Doppelexistenz aus: Am Tag Leo Maier, am Abend „Leo Frank“. Tagsüber Geheimnisträger über Akten, abends Autor, der aus den Sachverhalten Romane schrieb.

Denkbezirk ist Polizeirevier

Leo Franks Denkbezirk blieb das Polizeirevier. Er schrieb stets „Schlüsselromane“, seine Bücher stammten aus der Fachwerkstätte. Er produzierte geradlinige Spannungsliteratur in gedrungener Sprache, in der kein Platz für Abschweife oder Schnörkel ist. Thema ist alles, was der Fall ist. Franks Protagonisten denken so fallorientiert wie sie Gefühle und Privatleben gekonnt verschleiern.

Leo Maier (rechts) löste 1978 eine Geiselnahme in Linzer Bank gewaltfrei. Leo Frank schrieb 1980 einen Roman über eine Geiselnahme in Bank. Schauplatz: Paris. (Foto: krb, Repro: Oswald)

Die Stoffe dafür lagen auf der Straße (und im Referat). Frank änderte bloß Namen oder Schauplätze. Im Zypern-Thriller „Zikaden singen nicht“ (240 Seiten, 1977), machte er aus dem damaligen Chef der österreichischen Staatspolizei Dr. Stanka einen Dr. Antevic, Leo Maier wurde „Joe Heller“. Im Eichmann-Roman „Der programmierte Agent“ (260 Seiten, 1979) nannte er den Journalisten, der den Prozess beobachtete, „Franz Wallisch“, mit der Pointe, dass sich dieser einmal in der Kurzform „Frank“ vorstellte.

Im Roman „Die 13 Stunden der Christin Maginot“ (210 Seiten, 1980), der einen RAF-Bankraub mit Geiselnahme thematisierte, wich er auf den Schauplatz Paris aus. Alter-Ego-Ermittler wurde „Chefinspektor Marcel Trudeau“, kurz „Trud“. Diesen Fall kannte der Autor besonders gut: 1978 beendete Oberst Leo Maier im beigen Trenchcoat in der Linzer Stelzhamerstraße sehr unkonventionell einen mutmaßlichen RAF-Bankraub mit 13-stündiger Geiselnahme. In Leo Franks letztem Roman „Gold und Tribadie“ (160 Seiten, 1994), in dem es um lesbische Liebe, Geldgier und drei Morde ging, spielte die Handlung wieder in Wien. Aus Leo Maier wurde „Chefinspektor Hammerlang“, dessen Assistentin Dolores Winter, reiner Zufall, war enge Mitarbeiterin Maiers in Linz.

Franks Fahnder – ob Heller, Wallisch, Trudeau oder Hammerlang – waren immer Leo Maier: Sie traten als Individualisten und Gegner der Obrigkeit auf (Maier konnte Polizeijuristen nicht leiden). Sie waren zurückhaltende Skeptiker, die gerne unbürokratisch agierten und in dieser Losgelöstheit von Gesetz und Vorschrift die Grundlage für Ermittlungserfolg sahen.

Vorruhestand mit 59 Jahren – Polizei-Literat

Irgendwann hatte Leo Maier von der Polizei genug. Er war nicht krank, wollte aber nicht mehr. Mit 59 ging er in Pension: „Kein Ärger mehr mit Verbrechern, Mäulbrunzern und Polizeidirektoren“, notierte er lakonisch in seiner Autobiografie „Geständnis“ (1993). Ab 1984 war er Rentner. Er lebte noch zwanzig Jahre in Bad Ischl, meldete das Auto ab, ging alle Wege zu Fuß. Die täglichen Streifungen waren vorgegeben: Vormittag „Cafe Ramsauer“ zum Zeitung lesen, Mittagessen zu Hause, ab ein Uhr „Bayrischer Hof“ Brotreste vom Vortag holen, um sie an Tauben an der Traun zu füttern, danach zum „Cafe Urban“, wo er täglich um halb drei eintrat. In den ersten zehn Jahren der Pension schrieb er noch Romane. Die letzten zehn Lebensjahre schrieb er nichts mehr. Er genoss als Privatier die geselligen Gaststätten, saß beim Gspritzten Weiß, den ganz langen „Milde Sorte 100“ und ließ den Wiener Schmäh laufen. Er musste niemandem mehr etwas beweisen. Trotz staatlicher Pensionskürzungen blieb seine Rente nur 2.000 Schilling unter dem Aktivbezug als „Oberst“.

Manchmal flatterte ein Scheck ins Haus: 99.000 Schillinge Frischgeld am Konto für Nichtstun hießen, dass wieder irgendwo im deutschen Sprachraum drei TV-Sender, von denen er nichts wusste, eine „Tatort“-Folge aus der Konserve geholt und abgespielt hatten. Sieben Romane wurden als „Tatort“ und „Eurocops“ verfilmt, die bekanntesten sind „Das Archiv“ (1978) und „Nachtstreife“ (1983). Er bekam 33.000 Schilling pro ausgestrahlter Folge Autorenhonorar bis ans Lebensende. Er verfolgte das Ganze weder genau, nahm keinen Einfluss, noch interessierte ihn es sonderlich. Das Geld nahm er trotzdem.

Nahm am Literaturzirkus nicht teil

Zuletzt hatte er die Idee, einen Kriminalroman zu schreiben, bei dem der Leser den Täter kennt, der Ermittler aber am Fall scheitert. Das erzählte er seinen Gästen gern. Das wäre gewagtes Experiment gewesen, doch für Experimente war Frank nie zu haben. Es blieb Idee, das Buch schrieb er nie.

Eine Eigenheit unterschied Leo Frank maßgeblich von den Wortartisten seiner Branche: Er nahm am Literaturzirkus nicht teil. Der Mann, in dessen Haus fast keine Bücher standen (außer die eigenen), war in keiner Autorenvereinigung Mitglied. Leo Frank, dessen Bücher zu 95 Prozent in deutschen Verlagen erschienen (Langen-Müller, Ullstein, Bastei; Edition Staatsdruckerei/Ö), hielt auch zu Dichtern keinen Kontakt.

Er sah sich nie als Schriftsteller: „Ich bin kein Literat, ich schreibe nur Kriminalromane.“ Seine seltenen Lesungen (etwa 1995) verliefen so, dass er sich auf (!) den Tisch setzte, eine Zigarette ansteckte und Schnurren aus einem bewegten Polizeileben erzählte. Die Buchdeckel blieben dabei zu. (Die „Lesung“ organisierte der Herausgeber dieses Journals und fand in Buchkirchen statt.)

Im 3. April 2003 wäre Kriminalautor Leo Frank beinah erfroren. Ein Spaziergänger fand ihn verletzt in einem Wald, 500 Meter von seinem Haus entfernt, in einer halben Meter tiefen Senke. Er war gestürzt, trug nur einen Bademantel und lag eine ganze Nacht im Freien.

Am 21. März 2004 verstarb Leo Maier alias Leo Frank in einem Pflegeheim. Er wurde 79 Jahre alt, hinterließ eine Frau und zwei erwachsene Kinder.

Marcus J. Oswald (Ressort: Veteranen, Nachgesang)

[Editorische Randnotiz: Dieser Beitrag wurde 2004 exklusiv für die Wiener Zeitschrift „Augustin“ geschrieben, wohlgemerkt ein Obdachlosenblatt (!). Und abgelehnt. Wie andere Beiträge auch. Wahrscheinlich hatte dieser Beitrag „zu wenig Qualität“ oder es kamen zu oft die Worte „Rotlicht“ und „Polizei“ vor. Dank an Chefredakteur Robert „Wichtigtuer“ Sommer!)

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