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Schusswaffen und Suizide – Zusammenhang besteht

Posted in Waffenkunde by sicherheitwien on 20. September 2006

Deutsche Handfeuerwaffe P 10 - Heckler & Koch (Foto: Werk)

(Wien, im September 2006) Schrieben Medien nur über Todesfälle, wären die Seiten rasch voll. Täglich bringen sich in Österreich vier Personen um. Knapp die Hälfte der Selbstmörder sind über 60 Jahre alt. Mehrheiltlich (60%) der Selbstmörder sind Männer.

So bedauernswert, wenn der Unwert des Lebens den eigentlichen Wert übersteigt, so bemerkenswert ist, dass die Gesamtzahl der österreichischen Suizide mit rund 1.600 per Anno das Doppelte der Todesopfer bei Verkehrsunfällen auf Österreichs Straßen (800 bis 850) ausmacht. Hier wird medial beklagt, dort geschwiegen.

1.600 Selbstmorde im Jahr in Österreich

Immer wieder versuchen Suizidforscher die Gründe für Selbstmord zu beschreiben. Nun veröffentlichte die 1888 gegründete, im Wiener Springer Verlag erscheinende, medizinische Fachzeitschrift „Wiener Klinische Wochenschrift“ (im 118. Erscheinungsjahr nur mehr eine Monatsschrift) in ihrer August-Ausgabe eine Längsschnittstudie aus Österreich.

Diese erfasst die Jahre 1990 bis 2000 und untersuchte die Selbstmorde in neun Bundesländern. Im Zehnjahresschnitt brachten sich 21,3 Peronen pro 100.000 EW österreichweit um. In Zahlen: 1.600 Personen pro Jahr.

Mit Schusswaffen brachten sich in diesem Zeitraum vier Personen pro 100.000 EW um. Das macht einen Anteil von 290 Waffenselbstmördern unter den jährlich 1.600 Selbstmördern oder eine Bundesquote von18 %.

Österreich – 1.339 Waffenpässe pro 100.000 EW

Regional ist das unterschiedlich: Am öftesten pusten sich Bewohner der Steiermark das Gehirn heraus: 4,6 Personen pro 100.000 EW, bei der bundesweit ohnehin höchsten Selbstmordrate von 25,3 Personen pro 100.000 EW. Am wenigsten Selbstmorde gibt es in Vorarlberg mit 16,9 Personen pro 100.000 EW, davon nur 2 Personen pro 100.000 EW mit der Schusswaffe. Vorarlberg ist auch die Region Österreichs, in der die wenigsten Waffenpässe ausgestellt sind: 780 pro 100.000 EW.

Österreichweit haben 1,3 Prozent aller erwachsenen Personen einen Waffenpass. Es gibt 1.339 Waffenpässe pro 100.000 EW. Das ist der Durchschnittwert aus dem Zeitraum 1990 bis 2000.

Wenig Waffenpässe in Westösterreich – wenig Waffenselbsttötungen!

Ein Vergleich ist interessant: Gibt es in Vorarlberg nur 780 Waffenpässe pro 100.000 EW, liegt dieser Wert im Burgenland – obwohl kein ausgesprochenes Jagdgebiet – knapp drei Mal (!) so hoch: 2.028 Waffenpässe pro 100.000 EW.

Nun zur Selbstmordrate: Diese lag im Wesentlichen gleich – Vorarlberg 16,9 Personen pro 100.000 EW pro Jahr und im Burgenland bei 17,3 Personen pro 100.000 EW pro Jahr. Jedoch: Mit der Schusswaffe brachten sich in Vorarlberg 2,0 Personen pro 100.000 EW pro Jahr um, während sich im Burgenland 4,5 Personen pro 100.000 EW pro Jahr erschossen. Waffenselbsttötungsrate in Burgenland: 25,9 %. Das sind 8 % höher als der Österreichschnitt.

Betrachtet man alle Zahlen der Studie fällt auf, dass in Regionen, in denen viele Waffenpässe vergeben werden, nicht nur die Selbsttötungsrate, sondern auch die Waffenselbsttötungsrate sehr hoch ist.

Beste Beispiele: Steiermark, Kärnten, Burgenland, Wien. Einzig Tirol und Vorarlberg liegen nicht nur deutlich mit der Selbsttötungsrate weit unter dem Österreichschnitt, sondern auch mit der Waffenselbsttötungsrate teilweise unter der Hälfte (!) von Restösterreich. In diesen Regionen gibt es die wenigsten Waffenscheine.

Zusammenhang besteht: Weniger Waffen, weniger Kopfschüssler

Für die Studienautoren besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Schusswaffenbesitz und Selbstmord mit dieser. Die Zahlen steigen weiter. 2005 brachten sich bereits 380 Personen der 1.600 Selbstmörder mit der Schusswaffe um, was 23,5 % entspricht. Im Jahr 1960 lag diese Zahl bei rund 7 %.

Waffenbefürworter hören es nicht gerne. Aber, es besteht ein Zusammenhang zwischen Waffenbesitz und Selbsttötung. Eine „Methodenverschiebung“ (wenn keine Waffe zur Hand, dann eben anders) konnte nicht nachgewiesen werden. Die vermeintlich bewaffnete Stärke wird allzu rasch zur ohnmächtigen Schwäche.

Die gesamte Studie ist im Springer Verlag erschienen. Sie heißt: „Suicide by shooting and gun ownership (Austria): Would gun restricition help?“ (August 2006, S. 439-441).

Ein Jahresabo der Zeitschrift liegt mit rund 400 Euro allerdings im oberen Preisband.

Marcus J. Oswald (Ressort: Waffenkunde)

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