Ruhe und Ordnung – Das Sicherheitsmagazin

Ede Zimmermann sitzt auf Schaufel des Todes

Posted in Medien by sicherheitwien on 3. Juni 2008

Eduard Zimmermann wollte eine Fernseh-Interpol. Ein florierendes Medienhaus schuf er. (Fotoquelle: Buch - Das unsichtbare Netz - Rapport für Freunde und Feinde. 1969 - Archiv Oswald)

(Wien, im Juni 2008) Der größte „Fernsehfahnder“ des deutschsprachigen Sprachraums, Eduard „Ede“ Zimmermann, sitzt dem Tod auf der Schaufel. Der 79-Jährige hat Alzheimer im Endstadium, liegt in München in der Intensivstation und hat, glaubt man der Regenbogenpresse, mit dem Leben abgeschlossen.

Der „Neuen Post“ (23/2008) gab er ein „letztes Interview“. Er sitzt im Rollstuhl, ist fallweise nicht mehr ansprechbar und rechnet damit, dass er bald stirbt.

Medienhit Aktenzeichen XY

Der prominente Wiener Kriminalpsychiater Willibald Sluga, Mitbegründer des Maßnahmenstrafvollzugs, sagte 1976: „Eine rein österreichische Sendung würde bald eintrocknen, wenn wir gerade keinen Dostal haben.“

Die 1967 erstmals abgestrahlte, von ZDF, ORF und SRG im Dreiländereck koproduzierte Aktenzeichen XY trocknete keineswegs ein. Es gibt sie heute noch, auch wenn ihr Langzeit-Sherlock Holmes vor 13 Jahren die Marke abgab und die Sendung neue Moderatoren hervorbrachte.

Wächter des Mittelstandes

Die Sendung, hinter der ein dichtes Beziehungsnetz in die Reihen der deutschen Polizei besteht, hielt sich deshalb so lange, weil der Chefdetektiv der deutschen Pantoffelgemeinde, Eduard Zimmermann, geboren 1929 in München, seine „Fälle“ nach einem Star-Prinzip auswählte: Die schillerndsten (oft kriminalistisch uninteressanten), internationalen (regional schwer zurechenbaren) zuerst.

In jeder Sendung mindestens 25% Mordfälle, was im krassen Gegensatz zum tatsächlichen Mordanteil in der deutschsprachigen Kriminalität stand. Ergänzt mit dreisten Raubüberfällen, vornehmlich auf Juweliere oder Unternehmen des Mittelstandes, die das deutsche Wirtschaftswunder ankurbelten, das Zimmermann, der aus kleinen Verhältnissen stammte, besonders verteidigte.

Freitag Abend war Aktenzeichen XY-Zeit. So manche Großmutter holte sich zur besten Abendzeit das Böse der Welt ins Wohnzimmer und prüfte hinterher, furchtsam geworden, drei Mal, ob die Wohnungstür gut versperrt war.

Profitable Geschäfte mit dem Bösen

Das Böse: Eduard Zimmermann kannte es und er machte profitable Geschäfte damit. Schon Ende der 60er Jahre kam er beim ZDF auf ein Jahresverdienst von rund 200.000 Euro. Tantiemen für Bücher, die, wie eine Zeitung schrieb, „auf Volksschulniveau umgeschriebene Polizeiakten sind“, noch nicht eingerechnet.

Anfang der Siebziger Jahre hatte seine „Kriminal-Fachredaktion“ schon 12 Mitarbeiter und man munkelte, dass das 1973 errichtete Redaktionshaus bei München um umgerechnet 1.5 Millionen Euro mit Polizei- und Steuergeldern gebaut wurde. Doch im Detail interessierte das damals keinen und Beweise blieben aus.

Größtes Privatarchiv Deutschlands zur Kriminalität

Heute beherbergt die Redaktions- und Produktionsfirma Securitel in Unterföhring das größte private Kriminalarchiv in Text, Bild und Ton im gesamten deutschsprachigen Raum. Laufend werden neue line extensions, thematische Ableger zum Schlachtross Aktenzeichen XY entwickelt, denn der TV-Markt erlebt nach wie vor einen Boom mit True Crime-Dokus.

Seit einigen Jahren betreibt die Securitel-Redaktion die offensiv gestaltete Webseite E110.de (benannt nach dem deutschen Polizeinotruf), die fast in Echtzeit und täglich Ganoven jagt. Professionell, schnell, aktuell. Doch man fragt sich, warum das nicht die Ermittlungsbehörden in Wiesbaden und den Gewalthochburgen Hamburg, Berlin und Frankfurt erledigen.

Nach wie vor und bis zuletzt (Stand: 3. Juni 2008) thront der mittlerweile 79-jährige Hornbrillenträger, der nie Rentner sein wollte, wie ein Übervater auf der Webseite. Die Seite heißt noch immer: „Das Sicherheitsportal von Eduard Zimmermann“. Der Schützer des um Sicherheit besorgten Mittelstandes ließ bis ins Alter nicht locker.

2005 – Ganovenstück im Zug: Geld weg, Waffenscheine sichergestellt!

Zuletzt kam er vor drei Jahren in die Schlagzeilen, da er am 5. Februar 2005 selbst Opfer von Kriminalität wurde. Man stahl ihm seinen Koffer im Zug nach Zürich. Medien, die den Mann nach wie vor verehren, waren sicher, dass „Profi-Gangster“ am Werk waren. Die Täter hätten „offensichtlich seelenruhig gewartet“, bis Ganoven-Ede „einen Augenblick sein Gepäck unbeobachtet ließ.“ Ein bißchen Dramatik braucht das Leben und wenn es das nicht bietet, wird journalistisch nachgeholfen.

Damals befanden sich im Koffer übrigens 2.000 Euro Bargeld und laut Medienangaben „wichtige Dokumente, Waffenscheine, Mitgliedsausweise, Führerschein und der Reisepass.“ Der Koffer wurde am nächsten Tag mit allen Dokumenten am Bahnhof wieder abgestellt. Die 2.000 Euro fehlten. Die Frage blieb, warum ein Mann, der sich ein Leben lang auf Sicherheitsberatung verschrieben hat, mit 2.000 Euro Bargeld im Koffer durch die Gegend reist.

Starker medialer Ärmel der Ermittlerbehörde

1.182 aufgeklärte Fälle gingen auf das Konto des „pensionierten Fernsehstars“, der in den 50er Jahren selbst, angeblich aus politischen Gründen fünf Jahre in DDR-Haft saß. Nach dieser Zeit machte er die Kriminalität zu seinem legalen Geschäft – und blieb der Idee bis heute treu.

Treu blieb er auch seiner Ehefrau (Ehe: 1960-2007), die vor einem halben Jahr 85-jährig starb. Das habe seinen Lebenswillen gebrochen und ihn alt, mager und schwach werden lassen.

Seine Fangemeinde behält ihn ohnehin anders in Erinnerung. So wie man ihn auf seiner Webseite sieht:
Als starken medialen Ärmel der Exekutive. Um das Böse zu jagen und das Gute zu schützen.

Marcus J. Oswald (Ressort: Medien)

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