Ruhe und Ordnung – Das Sicherheitsmagazin

Ernst Walter Stummer: „Rein kommt man überall“

Posted in Ernst Walter Stummer by sicherheitwien on 11. Mai 2009

Ernst Walter Stummer erklärt live im ORF-Fernsehen, wie Einbrecher (also: er) ticken. (Foto: Oswald in der Suite 400 des Do&Co-Hotels, 1010 Wien, am 10. Mai 2009)

(Wien, am 10. Mai 2009) Telefonisch eingeladen wurde er am Freitag, 8. Mai 2009 ins ORF-Fernsehen. Am Muttertag (Sonntag) kann er es gar nicht mehr erwarten. Um Punkt 19 Uhr ruft er beim Journal an und berichtet, dass er fertig angezogen ist. Schließlich ist er als Erster der Diskutanten um 21 Uhr 10 im Haas-Haus im 8. Stock in der Maske und sitzt um 21 Uhr 15 in seinem weißen Sessel. Rotes Hemd, rote Krawatte, schwarzer Anzug. Haare frisch rasiert. Vor sich sein Buch und eine Jutetasche mit derlei Utensilien, die er in der Sendung vorführen wird.

Ingrid Thurnher raucht vor Sendungsbeginn auf der Veranda eine Zigarillo. Der Herausgeber informiert sie, dass Stummer ein Hörgerät hat. Der Techniker wird herbei gewinkt. Er soll überprüfen, ob das eine Rückkoppelung erzeugen kann. Tut es nicht. Florian Klenk raucht seine Zigarillo. Dann beginnt die Sendung. Die drei Begleitungen (die Ehefrau von Kriminologen Grafl, der Vizeobmann von „ProNachbar“ sowie B&G-Herausgeber) und drei Damen von der Maske ziehen sich vor Sendungsbeginn in die sehr geräumige Suite 400 (zuklappbare Badewanne im Schlafzimmer!) des Do&Co-Hotels am Stephansplatz zurück. Dort wird im vierten Stock die Sendung auf zwei Flachbildschirmen verfolgt.

Bad Guy

Es gibt sie nur mehr selten, die bösen Buben in Talkshows des ORF. Die meisten TV-Diskutanten sind angepasst, bürgerlich, gelehrt, auf der Karriereleiter oben angekommen. Das ist die Grundlage, dass sie im Fernsehen mitdiskutieren dürfen. Die Kombination aus gepflegter Langeweile und nobler Zurückhaltung im Standpunkt läßt die Quoten dieser Sendungen stetig sinken.

Stummer ist der „bad guy“ und er verstellt sich nicht. Er ist nicht gebildet, versteht Fremdworte nicht („prophylaktisch“) und führt den Klassenkampf offen. Sein Standpunkt ist schon nach fünf Minuten geklärt: „Rein kommt man überall. Man nimmt zum Beispiel einen Autoheber und nimmt einen Pfosten und verbindet das mit der Tür und hebelt die Tür auf. Da reißt ma sogar den Türstock aus. Irgendwie geht’s immer. Ein großer Faktor ist der Lärm: Man darf keinen Lärm machen.“

Etwas später führt er vor, wie man mit drei Schrauben ein Türschloss zerreißt oder gibt Hinweise, dass man in manchen Gemeindebauten nur einmal kräftig Pusten muss, und schon ist die Tür offen. Bitterer Nachsatz: „Nur: Dort ist nichts zu holen.“

Mittelstand und Establisment

Es sitzen im Forum noch zwei Polizisten, darunter der General des Bundeskriminalamts Lang aus Salzburg, der medientauglich in Augenpartie, Haarschnitt und Hochdeutsch ist. Polizisten treten immer zu Zweit auf (Direktionsprinzip). Die Verstärkung, der sehr wienerische Vertreter der Wiener Polizei, Leiter der Einsatzgruppe Straßenkriminalität, erklärt dem Volk, dass man 187 Wohnungseinbrecher fassen konnte, darunter kein Österreicher, sondern Georgier und Rumänen. Diese offiziellen Dinge weiß man als Zeitungsleser oder von Florian Klenk (Journalismus) und dem weiteren Diskutanten Christian Grafl (Lehre). Diese vier Teilnehmer gehören zum Establishment der Gesellschaft und in eine Diskussion. Aber mit ihnen verhungert eine Diskussion. Sie will man nicht wirklich hören. Hören will man die Outlaws, die Leute aus dem Volk, am Puls der Zeit. Stummer, der ohne Wenn und Aber und ironische Brechung Ja sagt zur Kriminalität. Und einen Konterpart, der solche Leute hasst.

„Neighborhood-Initiative“

Karl Brunnbauer von der Bürgerwehr aus dem bürgerlichen 13. Wiener Bezirk ist das konkrete Gegenstück. Ihm müsste es die Galle hochtreiben, wenn er dem 71-jährigen schwer vorbestraften, mediengewandten Ex-Einbrecher zuhört. Einbruchsverhinderer Brunnbauer hat – nach eigenen Angaben – „700 Mitstreiter“, die den Wohnbezirk Hietzing sauber halten wollen. Nicht klar ist, in welchen politischen Netzen sich der Verein „ProNachbar“ bewegt. Der Verein deklariert sich politisch nicht offen und einen solchen Verein macht man nicht aus Altruismus.

(Aus kluger Erfahrung weiß man, dass Personen solcher Vereine auf lange Sicht ein politisches Amt anstreben.) Beiläufig wird erinnert, dass vor zwei Jahren in Wien-Hietzing eine Außenstelle einer Maßnahmenjustizanstalt für „Wohngruppenvollzug“ errichtet werden sollte und sich in diesem Saubermann-Bezirk eine „Bürgerinitiative“ in Verbindung mit der „Kronen Zeitung“ gegen das vom Justizministerium beschlossene Projekt stark machte, bis es abgeblasen wurde. Ob es sich bei der damaligen „Initiative“, die das Justizwohnprojekt in ihrem Bezirk ablehnte, um die gleichen wackeren Männer handelt, die nun bei „ProNachbar“ mittun, ist noch nicht klar.

Feinmaschiges Netz

Jedenfalls wurde von „ProNachbar“, so der Vereinspräsident, ein feinmaschiges Informationnetz mit Emailadressen aus der Nachbarschaft ausgeworfen. Man beruft sich auf „Neighborhood“-Initiativen aus den USA und definiert die Arbeit ganz harmlos. Dazu sollte man sich aber gründlich informieren. Diese amerikanischen und britischen „Vorbilder“ unterliegen einem gänzlich anderen Persönlichkeits-, Behörden- und Medienrecht und treiben zuweilen seltsame Blüten. So veröffentlicht eine US-Initiative Strafregisterauszüge von Vorbestraften mit Name und Adresse. Eine andere US-Neighborhood-Initiative warnt davor, wenn ein Vorbestrafter in die Wohngegend ziehen will und markiert ihn auf dieser Webseite mit einem roten Punkt. Eine andere US-Webseite veröffentlicht Männer, die zu Prostituierten gehen (diese Webseite betreibt die Polizei von Chicago selbst). Andere, von konservativen Kräften getragene, Organisationen veröffentlichen Internetpranger von Tätern, die nach Sexualstrafrecht verurteilt wurden und ihre Strafe abgesessen haben – und verbauen diesen eine Resozialisierung.

Law and Order

Sich für gute Nachbarschaft einzusetzen ist gut. Wachsam sein, auch. Offensive Law and Order-Initiativen sind aber in Österreich – das muss offen gesagt werden – eindeutig parteipolitisch zuordenbar. Es sind Vorfeldorganisationen der FPÖ. Der Sprecher der „ProNachbar“-Initiative Brunnbauer erwähnt im „Zentrum“ ein Beispiel, wo man bereits aktiv wurde. Pikanterweise hier: Ein – wörtlich – „jüdischer Teppichhändler“ (Brunnbauer) ging in Hietzing von Tür zu Tür, um seine Ware loszuschlagen. Die „ProNachbar“-Gruppe formierte sich via Email und legte ihm das Handwerk. Jedoch untersagte ihm die Polizei seine Geschäfte „nur nach Gewerberecht“ (Brunnbauer). Viel Lärm um nichts also.

Die „Zentrum“-Diskussion zum Einbruch wird sehr breit mit vielen Argumenten geführt. Florian Klenk erwähnt aus eigener Erfahrung (drei Einbrüche in seinem Mehrparteienhaus), dass es bei Wohnungseinbruch die „Hauserhebung“ nicht mehr gibt. Die Parteienbefragung findet nicht mehr statt und dadurch gingen Informationen verloren.

Ermittlung und Rechtspflege

Dieses Argument ist zu ergänzen. Auch Gerichte müssen in die Kritik einbezogen werden. Einbruchsopfer werden teilweise selbst bei beträchtlichem Sachschaden nicht mehr als Zeugen befragt. Vor allem dann, wenn Tätergruppen bis zu 20 und mehr Tatorte abgegrast hatten. Damit bleibt für Einbruchsopfer ein zweites Mal die Demütigung. Die erste durch den Einbruch in die Privatsphäre. Die zweite, wenn sie bei den Gerichten zu diesem einschneidenden Erlebnis nicht mehr gehört werden, weil dazu keine Zeit ist.

Stummer gnadenlos

Stummer läßt solches ungerührt. Über Wehleidigkeiten der anderen macht er sich keinen Kopf. Er hat sein ewiges Trauma. Er erzählt, dass er in Zellenverbänden leben musste und 24 Stunden am Tag an Orten eingesperrt war, wo vier Leute lebten und die Toilette (früher) nur durch einen Vorhang getrennt war. „Wenn einer aufs WC ging, mussten die anderen drei den Gestank mitriechen“, erklärt er Sehern der Talkshow. Das hat ihn fürs Leben geprägt.

Daher empfindet er keine Rührung als ihn die Moderatorin Thurnher fragt, ob es ihm nicht peinlich ist, wenn er in fremden Kästen in der Unterwäsche wühlt. Er hat schon andere Peinlichkeiten erlebt, die sich bürgerliche Kreise, die die Nase über Leute wie ihn rümpfen, nicht einmal in Träumen vorstellen können. Er bleibt Underdog.

Wilder Westen

Und sagt Sätze wie (bezogen auf „Osteinbrecher“): „Für denan aus dem Osten ist Österreich wie der Wilde Westen. Wie es früher war in Amerika. Da kann man was erbeuten. Aber das hält ja nicht ewig. Noch sieben, acht Jahr. Dann sind die dortn a so aufbaut, eventuell mitm Diebsgut aus Österreich. Und die hams dann nimma notwendig.“

Fazit: Gute Werbung ist der TV-Auftritt für Klassenkämpfer Ernst Walter Stummer im seriösen Böse-Mann-Outfit, und sicher auch für sein Büchlein, das ein Grazer Autor schrieb. Denn es gibt den „bad guy“, der sagt, was er denkt und das meint, was er sagt, im Fernsehen nicht mehr. Mit seiner radikalen Offenheit hat er überrascht. So wie Stummer am 10. Mai 2009 „Im Zentrum“, müsste Gewaltverherrlicher Heinz Sobota 1978 („Der Minusmann“) gesprochen haben, könnte man sich noch erinnern. Stummer ruft als Diskutant Kopfschütteln und Erheiterung hervor – und bleibt in Erinnerung wie einst Nina Hagen im Club 2.

Nach einer Stunde war die Debatte über Kriminalität im Haas Haus unter der Leitung von Ingrid Thurnher vorbei. (Foto: Mitschnitt ORF, Quelle: B&G-Archiv)

Programmatik und Postulat

Ob das, was E. W. Stummer in der TV-Sendung sprach, kriminelle Programmatik und Postulat für fortgesetzte Anarchie ist, die Jugendliche, die solche Talkshows auch verfolgen, verführt, steht wieder auf anderem Papier.

Maximale Öffentlichkeit erreicht

Die maximale Öffentlichkeit hat er mit seinem Auftritt in der Polit-Talkshow „Im Zentrum“ erreicht. Mehr geht im TV-Sektor in Österreich nicht. Nun fehlt noch Johannes B. Kerner. Und dann Jay Leno. Aber das wird wohl nichts. Dazu reicht das Englisch nicht. Außerdem gäbe es kein Visum.

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Weiterblättern (nur Wesentliches):
Nach acht Jahren – Verhandlung Stummer gegen Österreich am EGMR (25. Juni 2010)
Marcus J. Oswald und Martin Luksan über: Ernst Walter Stummer 1968 (13. September 2009, Lesestück aus: 2003)
Stummer im ORF – Im Zentrum (9. Mai 2009)
Einbruch in Golf Löwe (2007) – Verdacht lag auf Stummer (18. Mai 2009) – offline gesetzt
Stummer im Kurier (Doppelseite) (15. Mai 2009)
Ernst Walter Stummer – Rein kommt man überall (11. Mai 2009)
Stummer im Kino – Bei Diskussion (9. April 2009)
Stummer, Sommer, Leisch am Karfreitag für Abschaffung der Gefängnisse (4. April 2009)
Einbrecher i. R. Ernst Walter Stummer ab morgen beim Jobcoaching (9. November 2008)
Artikel zu Stummer im Fachorgan “Der Kriminalbeamte” – durfte nicht erscheinen (25. Mai 2007; mit PDF)
Stummers Freunde (bei der Polizei) (22. Dezember 2006)
Stummer als Symbolfoto (13. Juni 2006)
Stummers zweiter NEWS-Auftritt (18/2006) (27. Mai 2006)
Stummers Inserat auf Love.at (15. Jänner 2006)
Stummers Gastauftritt (in Oswalds Stamm-Trafik mit ATV) (24. Oktober 2005)
Sicherheitsvideo – Ernst Walter Stummer – Einbrecherking (22. Oktober 2005)
Stummers Fussball (18. Oktober 2005)
Stummers Geheimprostituierten-Katalog (9. September 2005)
Stummers Kinder (20. August 2005)
Stummers Hochzeit (4. August 2005)
Stummers 700 Frauen (14. Juni 2005)
Stummers Messeauftritt (20. Februar 2005)
Stummer gegen Republik Österreich (12. Februar 2005)
Stummers Marketingaktion (noch ohne Fotos!) (5. Februar 2005)
Stummer-Kolumne – Augustin – Am Schmalz – Teil 3 (24. Juli 2003)
Stummer-Kolumne – Augustin – Am Schmalz – Teil 2 (10. Juli 2003)
Stummer-Kolumne – Augustin – Am Schmalz – Teil 1 (27. Juni 2003)
Brief an Stummer – Meine Spalte – Kolumne in Augustin (2003) (28. Mai 2003)

Marcus J. Oswald (Ressort: File Ernst W. Stummer)

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