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Kottan-Box für einen Schnaps und Jahrestreffen 2009

Posted in Medien by sicherheitwien on 30. Mai 2009

Kriminalfilmermittlung 1978. (Foto: Peter Patzak)

(Wien, im Mai 2009) Man kann über die Kottan-Serie (1976 und 1983) sagen, was man will: Es ist lebensnahes Drehbuch wie man es auf der Filmakademie nicht lernen kann. Die Serie ist österreichische Filmgeschichte, allerbeste Kameraführung und Charakterschauspiel.

Photorealismus

Die Bilder von Peter Patzak, der Regie (und Kamera) führte, sind Zeitreisen in ein altes, graues und tristes Wien mitten in der Bruno Kreisky-Ära. Wien im Film wie man es selten nur mehr sieht und wie es auch ein noch so großer Wiener Filmförderungsfonds nicht mehr zusammenbringt: Weil Kreativität nur im Zusammenspiel der richtigen Akteure am richtigen Ort zur richtigen Zeit geschieht.

Dem Herausgeber dieses Journals gefällt der ausgelagerte Kinospielfilm „Den Tüchtigen gehört die Welt“, mit Kottan-Inhalt und auf 110 Minuten-Langformat (1983) aufgeblasen, am Besten. In diesem Spielfilm sind morbide Bilder von Wien zu sehen, etwa die flüchtige Nachtaufnahme von der Eisenbahnbrücke über die Donau im melancholischen Kameraschwenk aus der Schlussszene. Ein kühler Abgesang, fast romantisch als Kontrast zum heutigen Hochhausirrsinn auf der Donauplatte.

Im Gegensatz zum dialogreichen Kammerschauspiel „Ein echter Wiener geht nicht unter“ (Regie: Reinhard Schwabenitzky und andere) spielte „Kottan“ meist „außen“ und zeigte die alte Zeit. „Kottan“ ist Zeitreise und Zeitdokument ins Kriminal-Wien der Jahre 1976-1983. Der Richtigungsstreit, wer der beste Nicht-Inspektor war (Lukas Resetarits, Franz Buchrieser oder Peter Vogel), ist eine philosophische Frage und soll hier nicht geführt werden.

Problem Musikrechte

Lange Zeit konnte man „Kottan“ nur alle paar Jahre auf 3 SAT spätnachts sehen. Dass nie eine DVD-Box heraus kommen konnte, lag an der verqueren Bauweise der Kottan-Folgen: Peter Patzak, dessen beste Filme nach Meinung des Herausgebers „Kassbach“, 1979 und die Filmbiografie „Tagebuch einer Flucht“ über den Autor von „Das Ohr des Malchus“ Gustav Regler, 1996 sind (beide gesehen bei den „Österreichischen Filmtagen in Wels“ – 123), baute in „Kottan“ stets viel Musik ein:

In memoriam: Als im Herbst 1996 die 11. Österreichischen Filmtage in Wels anstanden, wollte der große Förderer des heimischen Films, Reinhard Pyrker, Fotos für die Presse. Der heutige Herausgeber dieses Journals brachte ihm Sascha Manowicz, den großen unentdeckten Autorengesichterfotografen. Er machte ein paar Schwarzweißbilder (nur mit dem kurzen Rohr). Ein Jahr später war Reinhard Pyrker tot. Der Herausgeber dieses Journals sperrte sich dann drei Tage in seine Wohnung ein. Und veröffentlichte danach drei Nachrufe, in der Furche, der Welser Rundschau und einen langen in der Fachzeitschrift Media Biz, die Pyrker besonders mochte. Beim Begräbnis in Wien kamen 300 Gäste aus der österreichischen Filmbranche und am Ende wurde laut applaudiert. Seit damals hat der heutige Herausgeber dieses Journals nie wieder einen Nachruf in Medien verfasst. (Der Ernest Borneman-Nachruf war vorher - 1995; da waren Pyrker und Oswald gemeinsam in Scharten auf dessen Anwesen beim Begräbnis.) (Foto: Sascha Manówicz)

Der Wiener Regisseur Peter Patzak arbeitete mit Songs von Georg Danzer, Bob Dylan, Johnny Cash, Elvis Presley, Ennio Morricone, Randy Newman, Bing Crosby, Marlene Dietrich, Beatles, John Lennon, Smokie, Bee Gees, Queen, The Who, Rod Steward, Billy Joel und andere, die zum Klangteppich geflochten und etwa von „Kottans Kapelle“ lippensynchron imitiert wurden.

Das Problem: Die Urheberrechte für solche Welthits im Rahmen eines DVD-Vertriebs sind natürlich nicht günstig. Daher sah man von einer Kottan-DVD-Gesamtausgabe lange ab. Nun wurde dieses Problem offenbar gelöst. Denn die Firma Eurovideo, die zu den Münchner Bavaria Studios gehört, brachte eine Gesamtausgabe heraus.

Kottan ist Ursprungspunkt

Daher gibt es „Kottan“ nun in einer handlichen DVD-Box (4 CDs). Und daher ist es Zeit, Peter Handke zu zitieren: „Früher musste man noch nicht von früher sprechen.“ Die österreichische Polizeiserie „Kottan“ ist ein filmisches Meisterwerk. Es gibt im Filmwesen Dinge, die einen Ursprungspunkt setzen, den Pflock ins Feld schlagen, an dem sich alle orientieren sollten. Nach „Kottan“ kamen viele TV-Inspektoren, einer schöner als der andere. Solche mit Schäferhund oder schlanker Damenbegleitung. Es wurde immer atypischer für einen tatsächlichen Ermittler.

Ein echter Ermittler braucht keinen Hund und auch kein Fotomodell an der Seite. „Kottan“ war das, was die erste (nur die erste) Staffel des „Columbo“ für die USA war: Pflock und Wegweiser. Spätere Regisseure studierten sie und analysierten, was sie selbst falsch machten (siehe: Soko Donau). Columbo war der einzige originale US-Inspektor. Derrick der einzige wahre deutsche Kammerschauspiel-Ermittler. Kottan der einzige Major. Die wirklich guten Fernseh-Polizisten haben keinen Hund, keine Frau und keinen Vornamen.

Alle 19 Folgen in einer Box!

Die Gesamtausgabe aller 19 Kottan-Folgen bietet 1.505 Minuten Wiener Seele und Seelenschaupiel. Die Box kostet einen Schnaps: Auf Amazon derzeit rund 45 Euro.

Die Bildqualität soll schlecht sein, wie damals in den 70er Jahren eben die Kameratechnik war. Dafür hat die Musik Tarentino-Qualität.

7. Internationales Jahrestreffen – 13. Juni 2009

Unter echten Kottan-Fans gibt es ein Jahrestreffen. Es ist das mittlerweile 7. Internationale Kottan-Treffen. Die Fangemeinde hat sich im Forum der Hardcore-Fans (alle Infos zum Jahrestreffen in diesem Thread) auf Samstag, den 13. Juni 2009 geeinigt. Anmeldung per Email.

Es sollen auch die noch lebenden Darsteller kommen (Kurt Weinzierl und Gusti Wolf verstarben kürzlich, Walter Davy, Leon Askin und Curth Anatol Tichy starben vor einigen Jahren). Und vielleicht auch Regisseur Peter Patzak. Beginnen wird das Treffen in der Ausflugsstation Kaserer. Enden wird es zum Abschluss im „Café Eppler“, das von 17 Uhr bis 22 Uhr reserviert ist. Dieses Café ist „bekannt aus der Folge Nachttankstelle“, so die Veranstalter. Das Gulasch galt dort – zumindest 1978 – als besonders fett.

Marcus J. Oswald (Ressort: Medien)

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