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Geldkuverts aus der Freud-Universität gestohlen – Zwei Jahre Haft

Posted in Diebstahl, Gericht, Landesgericht Wien by sicherheitwien on 13. Oktober 2009

Landesgericht Wien.

(LG Wien, am 13. Oktober 2009) Ein ehemaliger Mitarbeiter der Bestattung Wien, sieben Jahre arbeitslos und auf Wohnungssuche, nächtigte öfter im Gebäude der ehemaligen Finanzlandesdirektion Wien, das heute ein Bürohaus ist, in dem unter anderem die Lauda Motion Autovermietung, die Austro Control und die Sigmund Freud Privatuniversität untergebracht sind. Dann startete er in der Garage einen Smart der Lauda Motion und lieh sich das Auto zwei Monate aus. Ein Laptop verschwand ebenso aus den Büroräumlichkeiten. Und 400 Kuverts aus dem Tresor. Beides gehörte der Freud-Privatuniversität. Nun gab es 24 Monate Haft, davon sieben Monate unbedingt.

Der Angeklagte Joachim Franz hat einen sehr heiligen Nachnamen. Er ist kein Heiliger, aber er ist gewiss der harmloseste Angeklagte des vergangenen und bald abgelaufenen Jahres. Vor allem einer, der zwar ein eigenwilliges Leben führt, aber niemandem auf der Tasche liegt. Richterin Karin Burtscher frägt den soeben 45-Jährigen, der aus Allensteig stammt: „Wovon leben Sie?“ Herr Joachim: „Freunde, Spenden. Keine Sozialhilfe, kein AMS.“ Bis 2002 hat er gearbeitet, bei der Bestattung Wien. Dann wurde dort „rationalisiert“. Möglicherweise war dieser Job für den Typ Mensch, den der Angeklagte verkörpert, ideal: In sich gekehrt, ruhig, einer der auch Freiheiten braucht und der das Leben sehr gelassen und ohne Hektik sieht. Geprägt hat ihn die Bestattung: Wozu sich aufregen? Unter die Erde kommt jeder. „Haben Sie Schulden?“, frägt die Richterin. „Meinen Sie finanzielle Schulden?“, erwidert der Angeklagte und konkretisiert, was er meint: Bankschulden hat er keine, aber Alimentationsschulden in der Höhe von rund 20.000 Euro. Durch die Anspannungslehre wurde er auch in den vielen berufslosen Jahren zum Unterhalt verpflichtet, den er nun dem Staat schuldet. Irgendwie hat er dieses Thema aufgegeben: „Die Kinder sehe ich aber regelmäßig“, erklärt er. Sie sind 11 und 16 Jahre. Die Mutter nicht mehr, da gab es auch gerichtliche Wickel.

Trennungsopfer

Männer wie Joachim Franz gibt es in Wien viele, er entspricht beinahe wie aus der Schablone dem Prototyp des Scheidungsverlierers, der irgendwann aufgibt. Nicht nur, wenn man den Mann mit dem Kurzhaarschnitt so von der Seite betrachtet. Seine Sitzhaltung ist entspannt, die Füße weit nach vorne gestreckt. Er sitzt ruhig und fest an der Rückenlehne, beugt sich aber nicht mehr vor, erläutert nichts mehr mit den Armen, hebt auch nicht mehr seine Stimme. Er hat, das ist das Gesamtbild, losgelassen. Mit 30 (1993) kam er das erste Kind, mit 35 (1999) das zweite. Damals hatte er einen fixen Job bei der Wiener Bestattung, der krisensicher galt, denn gestorben wird immer. Mit 38 (2002) änderte sich das. Er wurde „rationalisiert“. Was ihm von seinem Lebensplan blieb, sind Alimente. Und 2004 ein Prozess mit der Lebensgefährtin samt Kleinverurteilung (5 Monate bedingt, § 107). Seither halten ihn Freunde über Wasser. Seit „drei Jahren“, er ist 42, hat er sich überall abgemeldet: AMS, Sozialamt. Ihn interessiert das nicht mehr. „Ich habe über 100 Bewerbungen geschrieben“. Das ist für ihn genug. Mittlerweile hat er aber auch keine richtige Wohnung mehr. Und schläft mal dort, mal da. 2008 gab es gar eine Anklage wegen „Räuberischen Diebstahls“, eine Rangelei mit einem Kaufhausdetektiv. Daraus wurden 2 Monate unbedingt am LG Wiener Neustadt nach „Diebstahl“.

Man will nicht tiefer eindringen, die Richterin tut es auch nicht. Es ist im Leben manchmal so, dass der, der in Zweierbeziehungen defensiv auftritt, am Ende der Benachteiligte ist. Auch am Landesgericht Wien, wie seine Verurteilung aus 2004 zeigt. Als der Angeklagte im ersten Durchlauf auf Befragung der Richterin in wenigen Worten und unaufdringlich diese Zusammenhänge erzählt, hat er die Sympathien auf der Seite. Auch der Privatbeteiligtenvertreter der geschädigten Sigmund Freud Universität Anwalt Alfred J. Noll muss sehr oft schmunzeln. Das ist kein unsympathischer Angeklagter. Man merkt, hier ging vor vielen Jahren einiges schief, hier wurde ein Herz so oft gebrochen (wohl auch durch fanatische Fraueneinrichtungen und fanatische Richter, die in seiner 2004-Falllage dabei waren), dass nun das Ergebnis fünf Jahre später das ist, wie es die Fraueneinrichtungen und Richter haben wollen: Einen seelisch abgetöteten Mann. Der trotz allem dem Staat nicht zur Last fällt. Kein Sozialbetrüger, sondern einer „der lernen muss, sich selbst durchzuschlagen“, wie er einmal sagt. Mit zwei Vorstrafen ist das sinnlos, das weiß er. Mit Alimentationsschulden von 20.000 Euro auch. Daher lässt er es bleiben.

Böser Vorwurf: Mini One aus der Garage Niki Laudas entwendet!

Die Richterin will natürlich zum Fall etwas wissen. Bekennt er sich schuldig? „Grundsätzlich schuldig“, sagt er, der mit Pflichtverteidiger kommt. Die Staatsanwältin wirft ihm vor, dass er in der Tiefgarage der Schnirchgasse 9A im 3. Wiener Bezirk einen „Mini One“ (Marke Mini Cooper) der Lauda Motion in Betrieb gesetzt und gestohlen hat. Er fuhr mit dem Werbeauto, das man für 2 Euro pro Stunde mieten kann, zwei Monate in Österreich herum. Außerdem, so der Vorwurf, habe er 13.000 Euro aus einem Tresor der Universität mit einem (gefundenen!) Schlüssel mitgenommen und außerdem einen Laptop aus einem Hörsaal. Das gibt der Angeklagte alles zu. Nur zum Auto sagt er, dass der Schlüssel gesteckt hat, daher ist das laut seinem Anwalt nur ein Diebstahl und kein Einbruchsdiebstahl. Es sind viele Merkwürdigkeiten, die in diesem Prozess aufs Tablett kommen.

Schnirchgasse 9A

So „wohnte“ der Angeklagte eine Zeitlang im Gebäude Schnirchgasse 9A, das die ehemalige Finanzlandesdirektion Wien war. Das Finanzamt ist weg, nun sind andere Firmen eingemietet. Einige Etagen sind überhaupt leer. Hier nächtigen Obdachlose und können sich im Gebäude fast frei bewegen. Das führt zum allgemeinem Schmunzeln im Gerichtssaal. In der Garage, die ebenso unversperrt ist, hat sich die Lauda Motion eingemeitet. Dort stehen reihenweise die Mietwageln. Wie Joachim Franz weiß, der eine Art Hausinsider oder Hausgespenst ist, stecken dort die Schlüssel in allen Autos. „Sie sind betriebsbereit.“ Gegen Diebstahl gesichert sind die Autos offenbar nicht, nur bei der Ausfahrt gibt es einen Schranken, aber kein Garagentor. Joachim Franz, das Hausgespenst von der Schnirchgasse 9A, nutzte am 19. Juni 2009 die Gelegenheit und „borgte“ sich ein Auto aus. Richterin: „Wie lange?“ Angeklagter: „Den Sommer.“ Schmunzeln im Gerichtssal. Richterin: „Und wie sind Sie aus der Garage gekommen?“ Angeklagter: „Eingestiegen und weggefahren.“ Richterin: „Ja, da haben wir Fotos von der Überwachungskamera der Austro Control, die in diesem Haus auch eingemietet ist. Sie zeigen, wie sie den Schranken in einer Kurve am Gehsteig umfahren und hinausfahren.“ Joachim Franz ist ertappt. Dann hat er jedoch noch etwas gemacht.

Der Schauplatz: Schnirchgasse 9A. Sitz der Austro Control, Sigmund Freud Universität und der Garage der Lauda Motion. (Foto: Stadt Wien)

Er schraubte in Oberösterreich von einem anderen Auto die Kennzeichen ab und auf den Lauda-Motion-Werbeleihwagen auf. Nun fuhr er mit „UU“ (Urfahr Umgebung) durch Österreich. „Warum haben Sie das gemacht“, will die Richterin wissen. „Damit das Auto weniger auffällt.“ Im September wollte er, sagt er, das Auto ohnehin wieder zurückgeben. „Warum?“, frägt die Richterin. „Weil dann der Sommer aus ist.“ Der Angeklagte hat aber noch etwas gemacht: Er hat auch einen Laptop aus einem Hörsaal der Privatuniversität mitgenommen. „Warum?“ will die Richterin Burtscher wissen. „Ich dachte, das Laptop kann man verwenden.“ Er stand ungesichert in einem Vortragssaal herum, Marke Asus. Wert: 500 Euro. Dieser Punkt wird im Prozess nur mit drei Sätzen abgehandelt. Der letzte Punkte etwas näher. Richterin: „Die Staatsanwaltschaft legt Ihnen zur Last, sie hätte Geld aus dem Tresor gestohlen. Was sagen Sie dazu? Bekennen Sie sich dazu schuldig?“ Angeklagter: „Mehr oder weniger.“

Nach dem Einbruchsdiebstahl fehlten 400 Kuverts mit Patientenkautionen - 10.000 Euro Schaden! (Foto: Logo SFU)

Es war so: Er fand einen Schlüssel in einem – ebenso – offenen und nicht abgesperrten Büro der Sigmund Freud Privatuniversität auf einem Bürotisch. Der Schlüssel stach ihm sofort ins Auge, denn er lag auf einem Zettel. Darauf stand: „Für Dich, mein Bärli!“ Der Angeklagte konnte nicht widerstehen: „Ich schaute nach, was Bärli ist.“ Es dürfte so ein Psychologenscherz sein, ein verdeckter Hinweis. Denn nur fünf Meter vom Tisch entfernt stand ein Tresor und darauf laut Angeklagtem saß ein „Bär“. (Laut Aussage des Informierten Vertreters der Sigmund Freud Universität war das jedoch ein „Elefant“). Jedenfalls: Joachim Franz sah nach. Steckte den Bartschlüssel ins Schloss des Tresors und er passte. Was sah er? Rund 400 Kuverts. In den Kuverts waren je 25 Euro oder 50 Euro.

400 Kuverts mit Geld

Das waren Patientenkautionen von Leuten, die eine ambulante Psychotherapie beginnen. Sie hinterlegen beim Ersttermin (Vorgespräch) eine Kaution, die verfällt, wenn sie dann nicht mehr kommen. Wenn sie zum Zweittermin kommen, bekommen sie das Geld zurück. So sah der Angeklagte diese Kuverts, öffnete eines und merkte, dass das viel Geld ist. Richterin: „Wieviel Geld war das?“ Angeklagter: „Habs nicht gezählt. 5-6.000 Euro.“ Richterin: „Die Uni sagt: 13.000 Euro.“ Angeklagter, zurückhaltend: „Das bezweifle ich.“ Ein Schöffe fragt: „Haben Sie die Kuverts alle geöffnet?“ Angeklagter: „Ja, im Park.“ Schöffe: „Öffentlich?“ „Ja.“ Richterin: „Wieviel haben sie vom Geld dann verbraucht?“ „Rund 1.500 Euro.“ „Wofür?“ „Für tägliche Dinge und Lebensmittel. Für 1.500 Euro habe ich eine Campingausrüstung gekauft.“ (Und in Tanken investiert. Denn Benzin kostet.)

Am 20. August 2009 wurde er in Klagenfurt im Straßenverkehr aufgehalten und festgenommen. Er hatte noch 6.680 Euro bei sich, die der Universität zurückgegeben wurden. Das Auto wurde auch zurückgegeben. Der Laptop befindet sich noch in der Verwahrstelle des LG Klagenfurt. Dieser kommt auch retour.

Kuvertsystem im Kautionstresor

Ein Thema unter den Zeugen der Universität ist das „Kuvertsystem“ und das „Schlüsselversteck“. Wieso liegt ein Tresorschlüssel offen am Tisch auf einem Zettel mit Hinweis auf den Tresor? Wieviel Geld war tatsächlich im Tresor? Es kommt heraus, dass über die Kuverts nicht Buch geführt wird. Wohl gibt es Listen zu Personen, die eine Psychotherapie machen wollen, wieviel diese aber vorschießen, ist nicht zentral erhoben. Daher kann die Uni nicht genau sagen, wieviel Geld im Tresor liegt. Der Vertreter der Universität, Herbert Ertl, sagt es so (er ist nur Projektmitarbeiter, nicht Angestellter): „Es ist eine Tageskaution für die Ambulanz. Wir haben Kuverts mit 25 Euro und solche mit 50 Euro. Es verhält sich so, dass 80 Prozent kleine Kuverts sind und 20 Prozent solche mit 50 Euro.“ Der Privatbeteiligtenanwalt rechnet am Taschenrechner nach: Wenn das der Verteilschlüssel ist, dann lagen 12.000 Euro im „Kautionstresor“. Diese will er geltend machen. (In Anklageschrift: 10.000 Euro)

Sachertortenschachtel und Plüschelefant

Das Thema „Schlüssel“ ist schon haariger. Hier dürfte die Universität einen Fehler begangen haben. „Normalerweise gibt es ein Tagesversteck. Das ist eine Sachtortenschachtel“, so Ertl. Dort kommt der Schlüssel nach Dienstschluss hin. Doch am Tattag vergaß das jemand und daher lag der Tresorschlüssel offen am Tisch. Er hält auch fest, dass am Tresor kein „Bärli“, sondern ein „Plüschelefant“ steht. Zum Thema Laptop sagt der Zeuge, dass in der Universität so viel gestohlen wird, dass man aufgegeben hat, alles anzuzeigen. Ein weiterer Zeuge bestätigt das. Der 60-jährige Universitätsprofessor Holm spricht ein wenig für den Angeklagten und schildert Dauerzustände. Ja, es ist ein unversperrtes Gesamtgebäude. Es wird laufend etwas gestohlen, „erst vorige Freitag, während der Bürozeit aus einem Büro wieder ein Laptop.“ Richterin: „Kennen Sie den Herrn Joachim?“ „Nein, den kennt niemand.“ Die Frage hat den Hintergrund, weil der Angeklagte sagt, dass er eine Art Haustorschlüssel von einem Freund erhielt und daher regelmäßig dort nächtigte. Richterin: „Ist Übernachten dort möglich?“ „Ja, der ganze fünfte Stock steht leer. Und auch sonst sind sehr viele Räume unversperrt.“

Autoschlüssel steckte, Tresorschlüssel lag am Tisch

Der Angeklagte anerkennt den Schaden von 12.000 Euro. Sein Pflichtverteidiger will beim Autodiebstahl (Mini One) nur den § 128 Abs 1 (Schwerer Diebstahl) und nicht einen „Gewerbsmäßigen Diebstahl“ nach § 130 StGB sehen. Das Schöffengericht verurteilt, aber milde. Tatsächlich beurteilt die Richterin den Autodiebstahl nur als „Diebstahl“ (§ 128 StGB). „Diebstahl beim Auto, aber kein Einbruchsdiebstahl, da der Schlüssel steckte, davon gehen wir im Zweifel für den Angeklagten aus.“ Hingegen wird die Sache mit dem Tresor als „Einbruchsdiebstahl“ (§ 129 StGB) gewertet und die Sache mit dem „Laptop“ (wie Auto und Autokennzeichen „UU“) als einfacher „Diebstahl“ (§ 127 StGB). Es wird aber auf Grund des müden Jahreseinkommens des Angeklagten dennoch auf „Gewerbsmäßigkeit“ (§ 130 StGB) entschieden. Zum Schaden der Privatuni werden nur 10.000 Euro festgesetzt, da keine genauen Aufzeichnungen vorliegen. Auffällig ist, dass sich die Lauda Motion als Geschädigter dem Prozess nie angeschlossen hat und auch keinen Vertreter schickt. Der Firma ging offenbar das Auto nie ab.

Das Urteil: 24 Monate, davon 17 Monate bedingt. Der 45-jährige Angeklagte nimmt nach kurzer Beratung die sieben Monate Haft an. Rechtskräftig.

Marcus J. Oswald (Ressort: Diebstahl, Gericht, Landesgericht Wien) – 13. Oktober 2009, Saal 305, 9 Uhr 00 bis 10 Uhr 35

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