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BEGEH will Geschäft forcieren – Allheilmittel Funkschlüssel?

Posted in Einbruch, Praevention by sicherheitwien on 17. August 2010

Die Firma Begeh verspricht zu viel Sicherheit durch ihr System.
(Foto: Werk)

(Wien, im August 2010) Eine Firma aus Wien hofft derzeit auf das große Geschäft gegen den Wohnungseinbruch: BEGEH. Man verkauft Funkschlüssel für das Haustor der Zinshäuser Wiens.

Damit hat die Firma eine gewisse Marktlücke entdeckt und man will durch weitere Werbeveranstaltungen den Kontakt zu den Kunden nicht verlieren. Diese sind: Hauseigentümer, Hausverwaltungen sowie Firmen, die dennoch Zutritt in Häuser brauchen. In Summe ist das ein breiter Markt, den man für sich entdeckt hat.

BEGEH sagt, dass der Funk-Schlüssel die Wunderwaffe gegen Wohnungseinbruch sei. Damit erzählt man Märchen. Der Funkschlüssel sichert ein Haus nur von der Frontseite ab, nicht aber von der Hinterseite und über Hofmauern.

Begeh-Schlüssel bald in großen Stückzahlen im Umlauf

Ferner kommt der BEGEH Schlüssel wie einst der Postkastenschlüssel immer mehr in großen Dimensionen in Umlauf. Mit diesem In-Umlaufbringen der BEGEH-Schlüssel, die ebenso Universalschlüssel für alle Gegensprechanlagen sind, entseht auf Sicht das exakt gleiche Problem, das nach 40 Jahren Postkastenuniversalschlüssel auch nach und nach entstand: Jeder, der will, hat einen.

Besieht man sich die umfassende Liste alleine für Wien, welche Einrichtungen und Mitarbeiter dieser Dienste nun schon über eine BEGEH-Card verfügen, ist es nur eine Frage der Zeit, wann die erste Stelle undicht wird.

Ein paar Einrichtungen herausgegriffen: Feuerwehr Wien (Einsatzkräfte), Polizei Wien (Einsatzkräfte), Wiener Berufsrettung (MA 70) (Einsatzkräfte), Samariterbund Österreich (Einsatzkräfte), Johanniter (Einsatzkräfte), Malteser Hospitaldienstes Austria (Einsatzkräfte), Österreichische Post (Postdienste), Redmail (Postdienst), Müllabfuhr in Wien MA 48 (Müllentsorger), Wien Energie Fernwärme (Energieversorger), Wien Energie Wienstrom (Energieversorger), Wien Energie Gasnetz (Energieversorger), Redmail (Zeitungszustellung), Firma MediaPrint (Zeitungszusteller), Medien.Zustell GmbH (Posttochter), Media Logistik GmbH (Zeitung Österreich, Zeitungszusteller), MORAWA Buch & Presse – Business Subscription Services (Zeitungszusteller), Hausbetreuung Dimmi GmbH (Hausbetreuung), Jürgen Schmidt GmbH (Hausbetreuung), Attensam GmbH (Hausbetreuung), und so weiter. Wie gesagt: Die Liste ist sehr lang.

Der Begeh-Schlüssel wird den Z-Schlüssel ablösen. In jeder Hinsicht. (Foto: Werk)

Freilich kann man Einschränkungen treffen, wer das Haus betreten soll. Doch wie will man unter 26 Parteien im Haus einen Konsens darüber treffen? Der eine sieht solche Dienste als wichtig, der andere solche. In Zinshäusern ohne Eigentümer, also mit Mietern, hat die Hausverwaltung zu entscheiden, was ein wichtiger Dienst und was ein unwichtiger ist. Das funktioniert nicht.

Was damit zu sagen ist: Das Märchen, dass ein BEGEH-Schlüssel Einbrüche eindämmt, ist ein aktueller und guter Verkaufstrick. Die Gefahr auf Einbruch verlagert sich nur zeitlich. Denn jeder der Mitarbeiter dieser oben genannten Firmen – und die Liste ist sehr lang – hat einen BEGEH-Schlüssel. Und jeder dieser Mitarbeiter hat Verwandte, Freunde, Partner und kann den BEGEH-Schlüssel temporär weitergeben. Schlüssel werden gestohlen. Es kam schon vor. Ein Blick auf die Webseite des Fundamts zeigt, wie viele Schlüsselbunde verloren gehen.

Noch ist der BEGEH-Schlüssel eine brandneue Erfindung. Aber in drei Jahren ist er so weit verbreitet wie heute der „Z-Schlüssel“. Es wird also nur temporär, in der Übergangsphase Ruhe sein.

Mit solchen naiven Erwartungen fühlen sich Hausbewohner sicher.
(Foto: Begeh-Webseite)

BEGEH wirbt mit dem Marketingtrick, dass die Karten unüberwindbar sind. Nun, man denke nach: Man konnte sich bei der Einführung der Bankomatkarte auch nicht vorstellen, dass Dritte den Code knacken und Geld beheben.

Ein weiteres Argument gegen den Begeh-Schlüssel ist, dass ein Schwarzmarkt entstehen wird. Man darf erinnern, dass der Z-Schlüssel vor 15 Jahren am Schwarzmarkt noch rund 2.000 ATS gekostet hat. Dann verfiel der Preis und heute kann man ihn um 15 Euro bei jedem Schlüsseldienst des Vertrauens kaufen. Die BEGEH-Card wird ein ähnliches Schicksal haben. Am Schwarzmarkt bald um 200 Euro, dann immer billiger und dann ist das System am Boden und der Mythos entzaubert.

Man muss die BEGEH-Card nüchtern sehen. Eine einfache Eintrittshemmung via Gegensprechanlage. Das stärkste Gegenargument ist aber dieses: Ein Haustor ist nie zugesperrt. Es fällt nur ins Schloss. Daher ist es mit einem einfachsten „Chicago-Besteck“ innerhalb von 90 Sekunden zu öffnen. Von etwas Geübten.

Daher ist das Argument, dass die Gegensprechanlage und der Z-Schlüssel gar so wichtig seien, um in ein Zinshaus zu gelangen, nur ein Verkaufstrick von BEGEH. Die Firma suggeriert, dass Vorsatzeinbrecher naive Menschen sind und keine handwerklichen Profis, die kein unversperrtes, einfaches Zylinderschloss öffnen könnten. Die Ernüchterung wird auf den Fuss folgen, wenn die ersten Wohnungseinbrüche in Zinshäusern mit dem angeblich todsicheren BEGEH-System stattfinden.

Die Firma macht derzeit noch gute Geschäfte. Und wieder eine Open-House-Veranstaltung, um ihr Produkt zu bewerben. Diese findet am 30. September 2010 statt.

Marcus J. Oswald (Ressort: Einbruch, Prävention)

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