Ruhe und Ordnung – Das Sicherheitsmagazin

Dritter Sicherheitssektor hat in Österreich 16.000 Mitarbeiter

Posted in Sicherheitsbranche by sicherheitwien on 24. September 2010

Satte 350 Millionen Euro Umsatz macht die dritte Säule aktuell. Markführer ist Group for Securicor vor Wachdienst und Securitas. (Grafik entnommen: Zeitschrift Republik, Ausgabe September 2010, S. 32)

(Wien, im September 2010) Der so genannte „Dritte“ Sicherheitssektor in Österreich wächst und hat bereits fast so viele Mitarbeiter wie die offizielle Gesamtpolizei (rund 20.000 Uniformierte und 1.800 Kriminalbeamte). 16.213 Mitarbeiter beschäftigen die neun größten Branchenbereiche der „privaten Sicherheitsdienste“ mit Status 2009 in Österreich und sie setzen mehr als 350 Millionen Euro um. Samt Begleitmusik wie Sicherheitstechnik und Sicherheitsmechanik betägt der Umsatz der privaten Sicherheitsbranche in Österreich im Jahr 2009 immerhin 847 Millionen Euro (laut Securline/VSÖ).

Die „Dritte Säule“ (neben „Innere Sicherheit“ – zuständig Exekutive sowie „Äußere Sicherheit“ – zuständig Heer) entwickelte sich in den letzten 15 Jahren stetig. Es waren und sind immer wieder Auslöser und äußere Anlässe gewesen, die die Branche der privaten Sicherheitsdienstleister wachsen ließ.

Öffentliche Unsicherheiten

Einmal erschießt in einem Bezirksgericht Urfahr ein Mann mit einer Baretta sechs Menschen. Folge: Das GOG (Gerichtsorganisationsgesetz) wird umgeschrieben und Sicherheitsschleusen werden an Gerichten mit über 30 Mitarbeiter eingebaut. Da es in Österreich 141 Bezirksgerichte und 20 Landesgerichte sowie weitere große Berufungsgerichtshöfe gibt, entstand hier ein völlig neuer Markt für Privatfirmen, die bodychecken.

Dann kommt ein deutscher ÖBB-Generaldirektor aus Berlin nach Wien, der als allererstes Plakate in den Bahnhöfen affichieren lässt: „Sie schätzen Ordnung. Wir auch.“ Zur Unterstreichung seiner Gründlichkeit setzte er in allen größeren österreichischen Bahnhöfen private Sicherheitsfirmen ein, die „nach der Ordnung“ schauen und Bankschläfer und Obdachlose entfernen.

Dann gab es am 9/11 den Mega-Gau in New York und seither ist ganz Europa kirre gemacht, dass so etwas wie eine Flugzeugentführung auch auf kontinentalen Flughäfen passieren kann. Die Sicherheitschecks wurden personalintensiv nach oben geschraubt.

Obwohl die Katastrophe im Brüsseler Heysel-Station schon lange Geschichte ist, blieb das Mentekel, dass sich 39-faches Sterben bei einem einfachen Fussballspiel wiederholen könnte. Man beugt seit Jahren bei großen Fussballspielen internationalen Zuschnitts durch Duzend- und Hundertschaften privater Securities vor.

Dazu kommt Alltagskriminalität: Knapp 65 Bankraube im Jahr 2009 in Wien ließen die Institute in den Geldsack greifen. Bei vielen Banken in Wien steht rund um die Öffnungszeit ein privater Sicherheitsmann vor der Eingangstür und mustert die Kunden mit geschultem Auge.

Firmen bekamen Magenkribbeln und lassen Objekte in der Nacht von Sicherheitsdiensten bewachen. Dazu kommen Private mit Alarmanlagen und Sicherheitssystemen in Wohnanlagen. Kurz: Die Quelle der Angst scheint endlos zu sprudeln. Die Sicherheitsdienste sind die Gewinnler einer unsicheren Zeit. Je mehr Kriminalität oder eine Ahnung davon herumgeistert, umso besser laufen die Geschäfte der „Dritten Säule“.

Auch die Gemeinden in den Bundesländern beauftragen Sicherheitsdienste. Dies zur Entlastung der teilweise ohnehin nicht mehr vorhandenen Polizei in der Region und zur Eindämmung von Vandalismus. So konnte 2007 in Tulln die Jugendkriminalität um 40 Prozent eingedämmt werden, nachdem Schmieraktionen zuvor Schäden von 100.000 Euro angerichtet hatten. Die Allianz aus Gemeinde, einem privaten Sicherheitsdienst und Jugendbetreuern hat Früchte getragen. Die Uniform, auch wenn nicht von der Polizei, machte Eindruck.

Gewaltmonopol bleibt bei Polizei

Das sieht auch der Leiter es Bundeskriminalamts Franz Lang, der selbst aus der Provinz kommt, so. Er sagt in der Zeitschrift „Republik“ (Ausgabe September 2010): „Die Frage nach dem Ob stellt sich nicht mehr, nur mehr die Frage nach dem Was und dem Wie.“ Es geht um die Kompetenzen und die Kernkompetenz liege noch immer bei der Polizei: „Bei Festnahmen und Personenkontrollen besteht ein enorm hoher Qualitätsanspruch an die Performance und die Kontrolle. Beides kann nur die Polizei bieten“, so General Lang.

Dem pflichtet der Chef des größten privaten Sicherheitsunternehmens G4S, Harald Neumann, bei. Er teilt das Thema Sicherheit in drei Felder: „Vorsorge und Beratung“, „Bewachung“, „Verfolgung und Exekution“. Er sagt in der Zeitschrift: „In der ersten Stufe können sowohl private als auch öffentliche Kräfte tätig sein. Um das zweite Thema sollen sich Private kümmern. Auf der dritten Stufe dürfen sich nur staatliche Hoheitsorgane bewegen.“

Uneinheitliche Ausbildung vereinheitlichen

Ein Kritikpunkt an den privaten Securities ist nach wie vor die Ausbildung. Eine Uniform macht noch keinen Wachmann, manche private Securities ähneln – in Erscheinung und Intelligenz – eher einem Soldaten Schweijk. Mancher fühlt sich in der Uniform stark, vergisst aber, dass er bestenfalls geeignet ist, eine Baustelle am Wiener Westbahnhof zu bewachen oder einen Parkraum beim Welser Messegelände, wo er den Schranken auf und zu machen darf. Oft war in der Vergangenheit auch von Alkoholmissbrauch bei Privaten die Rede. Das ist brisant, da Objektbewacher, die nächtens ihre Runden mit dem Auto ziehen, eine scharfe Schusswaffe bei sich tragen.

Die privaten Sicherheitsfirmen haben keine einheitlichen Ausbildungsstandards. Das führt zum schlechten Ruf. Die Grundanforderung „über 18 Jahre“ und „unbescholten“ reicht aus, um dabei zu sein und die Uniform überzustreifen. Das soll sich ändern. Derzeit ist eine Regierungsvorlage in Ausarbeitung, die das Wirtschaftsministerium zusammen mit dem Innenministerium feilt. Darin sind neue Kriterien für private Wachleute aufgezeigt. In der Zeitschrift „Republik“ wird General Lang zitiert, dass auch er einheitliche Norm wünscht, vor allem „berechenbare Leistungsqualität“ und „standardisierte Ausbildung“. Womit vielleicht auch die Sicherheitsakademie Wien in der Marrokanergasse ins Spiel kommt. SIAK-Brigadier Karl-Heinz Grundböck kann sich vorstellen, dass die Akademie Teile der Ausbildung der privaten Sicherheitsdienste in den eigenen Räumlichkeiten übernimmt, er grenzt aber ein: „Wir bilden keine Privatpolizisten aus.“ Es geht vielmehr um verkehrspolizeiliche Sektoren, den private Sicherheitsdienste immer mehr bearbeiten. So sind Flughafensicherheit und Mautkontrolle fast schon komplett in Händen der privaten Sicherheitsdienste.

Securities haben mehr Rechte als Normalbürger – Hausrecht

Es gibt auch Kritik an Securities und ihrem Wachstum: Der eine Faktor sind die Kosten, der andere die Symbolik. Je mehr „Stadtwachen“, „Privatwachen“ und sonstige „Sheriffs“ umgehen, desto mehr entsteht der Eindruck eines Überwachungsstaates. Hinzu kommt eine mittlerweile hohe „Uniformdichte“ in Wien. In der Hauptstadt hat das Magistrat acht uniformierte Gruppen im Einsatz, von Parkraumüberwachung, Waste Watchers und weitere Organe. Dazu gibt es die Polizei und private Sicherheitsfirmen. Vielen ist das entschieden zu viel Uniform.

Private Securities haben sogenannte „Jedermanns-Rechte“. Heißt: Sie dürfen „Anhalten bei einer Straftat“ und „Handeln in Notwehr“. Strafen und Festnehmen ist untersagt, das wäre „Nötigung“. Besonders gut ausgestattet sind die Objektschützer. Sie haben mehr Rechte als die Polizei. Denn beim Objekt, das sie schützen, haben sie ein formales „Hausrecht“. Sie dürfen auch ohne Verdacht Personenkontrollen und Abweisungen durchführen. Was der Polizei untersagt wäre.

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Hilfsquellennachweis für untere Hälfte des Beitrages: „Republik“ (September 2010)

Magazin für Führungskräfte im öffentlichen Bereich: Republik.
(Archiv Oswald 1090)

Marcus J. Oswald (Ressort: Sicherheitsbranche)

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