Ruhe und Ordnung – Das Sicherheitsmagazin

Deutsche Kriminalmetropole bleibt Frankfurt – vor Hannover und Berlin

Posted in Wissen by sicherheitwien on 2. September 2011

Habgier, Wollust, Rachsucht, Eitelkeit, Maßlosigkeit, Eifersucht und Faulheit sind nur die sieben wesentlichen Todsünden, die mitunter nicht unwesentlich dazu beitragen, dass es pro Jahr in Deutschland sechs Millionen Strafanzeigen gibt. Das Land hat nur 80 Millionen Einwohner, womit auf 13 Personen eine Anzeige kommt. Es hält sich in Grenzen: Die Prostitution, die Gier, der Sozialneid, der Betrug. Baustelle bleibt Deutschland trotz des leichten Rückgangs der Gesamtanzeigen erstmals seit langem unter 6 Millionen. Was nach Expertenmeinung mit der schleichenden Überalterung der Gesellschaft zu tun hat. 2030 werden 30 Prozent Rentner in Deutschland leben. Dann ist Ruhe im Gebälk. (Foto: Oswald im Hause Oswald)

(Wien, im September 2011) Die neue „Kriminalstatistik“, die erst in einigen Monaten vom deutschen Bundeskriminalamt präsentiert wird, die aber schon in der Münchner Zeitschrift „FOCUS“ (35/2011, S 44-55) heiß diskutiert wird, birgt interessante Neuigkeiten. Ging man vor zehn Jahren von der unheiligen Trinität der deutschen „Kriminalhochburgen“ Frankfurt, Hamburg und Berlin aus, was sich lange an den „Häufigkeitsziffern“ (Häufigkeitsziffer misst die Quantität der Anzeigen pro 100.000 Einwohner), hat sich dieses Verhältnis verschoben. Frankfurt ist auch 2010 die Top-1-Stadt Deutschlands, was Kriminalitätsaufkommen angeht, aber auf den Plätzen sind andere: Hannover auf Rang zwei, Berlin auf Rang drei vor Düsseldorf (4) und Köln (5). Hamburg liegt nur mehr auf Rang neun. Die Top 10 „Hochburgen“ (nach Häufigkeitsziffer) sind westdeutsche Städte. Die „kriminellste Stadt“ aus dem ehemaligen Ostdeutschland liegt auf Rang elf. Es ist Magdeburg.

Nur drei Millionenstädte

Soziodemografisch ist Deutschland ein Land aus vielen Nestern, es fehlen die Großstädte und dichten urbanen Siedlungen. Es gibt nur drei Städte, die mehr als 1 Million Einwohner haben: Größte Stadt ist Berlin mit 3.44 Mio Einwohnern vor Hamburg (vergleichbar mit Wien) mit 1.77 Mio Einwohnern und München mit 1.33 Mio Einwohnern. Köln schrammt mit 998.105 Einwohnern knapp an dieser Grenze vorbei. Der Rest der Städte dümpelt auf hohem Niveau, aber weit unter der Millionen-Grenze dahin: Fünftgrößte Stadt ist Frankfurt mit 671.927 Einwohnern vor Stuttgart (6) mit 601.646 Einwohnern, gefolgt von Düsseldorf (7) mit 586.217 Einwohnern, Dortmund (8) mit 581.308, Essen (9) mit 576.259, Bremen (10) mit 547.685, Hannover (11) mit 520.966, Leipzig (12) mit 518.862, Dresden (13) mit 517.052, Nürnberg (14) mit 503.673 und Duisburg (15) mit 491.931 Einwohnern. Es gibt in Deutschland, wie schon vor zehn Jahren, exakt 80 Städte mit „mehr als 100.000 Einwohnern“. Nur 14 haben aber mehr 500.000 Einwohner, davon nur drei mehr als eine Million. 40 Städte Deutschlands haben mehr als 100.000, aber weniger als 200.000 Einwohner, also die Größe von Linz, was überschaubar ist. Die Flächigkeit ohne Spitzen im städtischen Bereich zeichnet die bevölkerungsgeografische Landschaft Deutschlands aus.

Es gibt, gemessen an den Eckdaten des Anfalls krimineller Hervorbringungen, sehr sichere Städte: München ist mit seinen 1.33 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt, aber im Kriminalitätsranking fast kleinstädtisch sicher: Platz 68. Leverkusen mit 160.593 Einwohnern liegt im Gesamtranking auf Platz 66. Wolfsburg mit 121.109 Einwohnern auf Platz 67 der 80 Städte. Der sicherste Boden unter den deutschen Städten ist Fürth mit 114.044 Einwohnern auf Platz 80. Aber auch Städte, denen man etwas zumutet, wie Chemnitz mit 243.089 Einwohnern, liegen weit hinten, Platz 52, also noch „vor“ Dresden auf Rang 58.

Schweinezyklus

Es heißt: Am Land erkennt man die Schweine am Gang. In den Städten ist das Erkennen der Kriminalität schwieriger. Sie agiert anonymer. Es ist heutzutage ein Kinderspiel in der Großstadt ein Jahr unterzutauchen, um zu tun und lassen, was man will. Dazu braucht man nicht einmal große soziale Netzwerke oder Seilschaften. Am Land ginge und geht das nicht. Die Verhältnisse stehen anders, auffälliges Verhalten fällt auf, die sozialen Kreise sind enger, die Möglichkeiten, und sei es nur des täglichen Einkaufs, begrenzter.

Vergreisung schafft bald Totenruhe

Die deutsche Kriminalstatistik analysiert nur die Städte, nicht die Regionen. Signifikant ist, dass die Kriminalität der deutschen Gesellschaft abnimmt. Das hängt mit der „Vergreisung der Gesellschaft“ zusammen, also dem, was man Pensionsblase nennt. 2030 schätzt man 30 Prozent der deutschen Gesamtgesellschaft auf Pensionisten. Das zeichnet sich jetzt schon ab: Die kriminellen Anfallzahlen sind rückläufig. Waren vor zehn Jahren (2001) die Häufigkeitsziffern (Anzeigen pro 100.000) bei den damaligen Top-3-Städten Frankfurt, Hamburg, Berlin noch je über 16.000 (!), so liegen die Häufigkeitszahlen der aktuellen (2010) Top-5-Städte, also der Kriminalhauptstädte, weit drunter:

  • Platz 1 – Frankfurt – 15.977
  • Platz 2 – Hannover – 14.653
  • Platz 3 – Berlin – 13.798
  • Platz 4 – Düsseldorf – 13.781
  • Platz 5 – Köln – 13.694

Einen hohen Ziffernsatz machen die kleinen Delikte auch in Deutschland aus. Sachbeschädigungen wie diese in Wien: Aufgebrochene Münztelefone, Vandalismus, kleine Zerstörungen. Bei der Anzahl von 80 Städten über 100.000 Einwohner in Deutschland, summieren sich solche Fälle. (Foto: Oswald)

Dass überhaupt noch so hohe Sätze zustande kommen, ist dadurch bedingt, dass Jugendliche nachstoßen. Der Verfall der Grundlagenwerte der Gesellschaft führt zu vielen Kleindelikten, die von Komasaufen, Vandalismus, Drogenmissbrauch, Kindervernachlässigung, Schulhofkriminalität, Sozialbetrug reichen. Und weil – vielleicht – durch die Migrationsfrage – auch das Baden ohne Securities keinen Spaß mehr macht, haben Berliner Freibäder nun auch dort – nach Vorkommnissen – Securities eingesetzt. Kleinvieh macht das Kraut fett.

Subkultur-Kriminalität

Soziale Kleinkriminalität, die aus Subkulturen entsteht, gibt es in einigen Städten. Hausbesetzungen in Berlin und Hamburg führen meist zu hunderten Anzeigen an einem Tag und treiben die Quote der Anzeigenstatistik nach oben. In München gibt es das überhaupt nicht. Dort hat die Polizei die politische Rückendeckung, dass jedes nur im Ansatz „besetzte“ Haus „Binnen 24 Stunden geräumt“ wird. Wohl auch deshalb gibt es in München Mietpreise wie 1.200 Euro für 50 Quadratmeter und eine Häufigkeitsziffer von 7.684 pro 100.000 Einwohner. Umgelegt auf Österreich wäre das ein Kriminalaufkommen von Steyr. Auch eine Drogenszene wird in München im Keim erstickt, ehe sie sich an Plätzen ausbreiten kann. Dauerpräsenz und Dauerkontrollen gibt es gegen Bettler, die danach gerne München hinter sich lassen. Das Münchner Magazin „Focus“ weiß von einer äußerst „sichtbaren“ Münchner Polizei, die durchschnittlich 140 Streifeneinheiten (Fuß und Auto) täglich unterwegs ist und „an Wochenenden auf 200 aufstockt“. 25 Inspektionen gibt es nur mehr, aber eine mächtige Zentrale, die alle Daten erfasst. Man ist in München relativ schnell verhaftet. Umgekehrt liegt die Aufklärungsquote und Zuordnung von Straftaten in München bei 58,9 Prozent, wobei zum Beispiel fünf von zehn Wohnungseinbrüchen aufgeklärt werden. In Köln: Gesamtaufklärungsquote von 13 Prozent. Nur ein Wohnungseinbruch von zehn wird geklärt.

Frankfurt liegt in den letzten 25 Jahren nun 22 Mal an Platz 1. Das hat freilich mehrere Gründe: Der Flughafen wirft jährlich rund 10.000 Anzeigen auf (vielfach Suchtgiftanzeigen), dazu kommen mehrere hunderttausend Einpendler in die Stadt.

In Deutschland wurden 2010 5,93 Millionen Straftaten angezeigt (weniger als 6 Millionen wie in den Vorjahren). 56% Aufklärungsquote im ganzen Land. Unter den Angezeigten sind 1.206.884 Männer (74%) und 430.064 Frauen (26%).

Die Gender-Liste der Täter im Detail (Mann/Frau):

Vermögens- und Fälschungsdelikte: 401.916 Männer und 180.084 Frauen
Körperverletzung: 384.643 Männer und 83.610 Frauen
Diebstahl: 356.382 Männer und 161.009 Frauen
Sexualdelikte: 31.793 Männer und 2.015 Frauen
Raub: 29.811 Männer und 2.979 Frauen
Totschlag: 1.622 Männer und 250 Frauen
Mord: 717 Männer und 117 Frauen

2.218 Mord- und Totschlagfälle in Deutschland. 95% wurden aufgeklärt (vielfach Beziehungstaten)
Ehrenmorde sind konstant niedrig: Pro Jahr 7-10 Fälle (laut einer Langzeitstudie des Max Plank Instituts). Meist Türken als Täter. 60 % Frauen, 40% Männer als Opfer.
7.724 Vergewaltigungen (und Versuch), damit 5,6 % Zuwachs zu 2009.

Weiteres Interessantes in Deutschland 2010:

80 % der Taten wurden von Deutschen begangen, 20 % von Ausländern (Nicht-EU-Ausländer)

13 % aller Täter standen unter Alkoholeinfluss

30 % aller Gewalttäter standen unter Alkoholeinfluss

4,3 % der Täter waren Kinder und Jugendliche (rückläufige Tendenz)

75 % aller Einbrüche in Frankfurt finden in Mehrfamilien- und Hochhäusern statt. Nur 0,4% in Villen. Risiko Einbruchsopfer ist in „armen Gegenden“ siebenfach so hoch wie in „reichen Gegenden“.

Köln gilt laut jüngeren Studien als Deutschland-Zentrale für: Taschendiebstahl und Rockerbanden, die mit Drogen und Rotlicht Geschäfte machen. Das Delikt Betrug stieg dort um 40%, Einbruch um 8 % und bei Mord liegt man ganz vorne.

Hannover ist die Drogenmetropole in Deutschland. Außerdem hat Hannover bei „Schweren Körperverletzungen“ mit 378 (pro 100.000) die höchste Häufigkeitszahl.

Die höchste Wahrscheinlichkeit in Deutschland in eine Schlägerei verwickelt zu werden ist: Um 23 Uhr 04. Statistisch steigt die Chance, die Faust aufs Aug zu bekommen, ab 20 Uhr an, was sich kriminalpsychologisch – erneut – mit Alkohol erklärt. Am Abend wird mehr getrunken, es sinkt die Hemmschwelle.

Bankraub kam in Deutschland „aus der Mode“. Nur 300 Fälle (statt 700 im Jahr 2009). Die Täter verlegten sich auf den stillen Bankomatkartenbetrug, Cybercrime und neue elektronische Betrugsfelder. In Mode kam das „Skimming“: Bankomatkarten-Datendiebstahl. Schaden 2010 in Germany: 60 Mio Euro in 190.000 (!) Fällen. Warum also mit der Knarre in ein Bankfoyer, das überwacht ist wie Fort Knox…Teilweise arbeiten seriöse Leute mit Unersiösen zusammen, wie ein Fall aus Deutschland zeigte, in dem ein Tankstellenmitarbeiter die Lesegeräte der Bankomatkarten manipulierte und Daten an Kriminelle weitergab.

(Man könnte das weiterdenken, umgelegt auf Facebook: Warum investieren russische Investoren mit zweifelhaften Kontakten zu Geheimdiensten 400 Millionen Dollar in eine Webseite? Vielleicht, weil es doch um begehrten Datenhandel geht. Im Kleinen natürlich darum, nachzuvollziehen, ob wieder einmal jemand Preis gibt, dass er nun nach Griechenland in Urlaub fährt und seine Wohnung frei für Einbrecher steht.)

Körperverletzung wurde in Deutschland nun umfassend zwischen 1990 und 2009 untersucht und analysiert. Man stellte für Hamburg – also analog in der Bevölkerungsdichte vergleichbar mit Wien – fest: „Jede Stunde Sonnenschein führt statistisch zu 0,7 % Körperverletzung.“ Das heißt: Scheint fünf Stunden die Sonne, führt das zu 3,5% Anstieg der KV-Delikte zum trüben Tag: Erklärung ist der Alkohol und Nachfolgeerscheinungen.

Marcus J. Oswald (Ressort: Wissen)

%d Bloggern gefällt das: