Ruhe und Ordnung – Das Sicherheitsmagazin

Geldkuverts aus der Freud-Universität gestohlen – Zwei Jahre Haft

Posted in Diebstahl, Gericht, Landesgericht Wien by sicherheitwien on 13. Oktober 2009

Landesgericht Wien.

(LG Wien, am 13. Oktober 2009) Ein ehemaliger Mitarbeiter der Bestattung Wien, sieben Jahre arbeitslos und auf Wohnungssuche, nächtigte öfter im Gebäude der ehemaligen Finanzlandesdirektion Wien, das heute ein Bürohaus ist, in dem unter anderem die Lauda Motion Autovermietung, die Austro Control und die Sigmund Freud Privatuniversität untergebracht sind. Dann startete er in der Garage einen Smart der Lauda Motion und lieh sich das Auto zwei Monate aus. Ein Laptop verschwand ebenso aus den Büroräumlichkeiten. Und 400 Kuverts aus dem Tresor. Beides gehörte der Freud-Privatuniversität. Nun gab es 24 Monate Haft, davon sieben Monate unbedingt.

Der Angeklagte Joachim Franz hat einen sehr heiligen Nachnamen. Er ist kein Heiliger, aber er ist gewiss der harmloseste Angeklagte des vergangenen und bald abgelaufenen Jahres. Vor allem einer, der zwar ein eigenwilliges Leben führt, aber niemandem auf der Tasche liegt. Richterin Karin Burtscher frägt den soeben 45-Jährigen, der aus Allensteig stammt: „Wovon leben Sie?“ Herr Joachim: „Freunde, Spenden. Keine Sozialhilfe, kein AMS.“ Bis 2002 hat er gearbeitet, bei der Bestattung Wien. Dann wurde dort „rationalisiert“. Möglicherweise war dieser Job für den Typ Mensch, den der Angeklagte verkörpert, ideal: In sich gekehrt, ruhig, einer der auch Freiheiten braucht und der das Leben sehr gelassen und ohne Hektik sieht. Geprägt hat ihn die Bestattung: Wozu sich aufregen? Unter die Erde kommt jeder. „Haben Sie Schulden?“, frägt die Richterin. „Meinen Sie finanzielle Schulden?“, erwidert der Angeklagte und konkretisiert, was er meint: Bankschulden hat er keine, aber Alimentationsschulden in der Höhe von rund 20.000 Euro. Durch die Anspannungslehre wurde er auch in den vielen berufslosen Jahren zum Unterhalt verpflichtet, den er nun dem Staat schuldet. Irgendwie hat er dieses Thema aufgegeben: „Die Kinder sehe ich aber regelmäßig“, erklärt er. Sie sind 11 und 16 Jahre. Die Mutter nicht mehr, da gab es auch gerichtliche Wickel.

Trennungsopfer

Männer wie Joachim Franz gibt es in Wien viele, er entspricht beinahe wie aus der Schablone dem Prototyp des Scheidungsverlierers, der irgendwann aufgibt. Nicht nur, wenn man den Mann mit dem Kurzhaarschnitt so von der Seite betrachtet. Seine Sitzhaltung ist entspannt, die Füße weit nach vorne gestreckt. Er sitzt ruhig und fest an der Rückenlehne, beugt sich aber nicht mehr vor, erläutert nichts mehr mit den Armen, hebt auch nicht mehr seine Stimme. Er hat, das ist das Gesamtbild, losgelassen. Mit 30 (1993) kam er das erste Kind, mit 35 (1999) das zweite. Damals hatte er einen fixen Job bei der Wiener Bestattung, der krisensicher galt, denn gestorben wird immer. Mit 38 (2002) änderte sich das. Er wurde „rationalisiert“. Was ihm von seinem Lebensplan blieb, sind Alimente. Und 2004 ein Prozess mit der Lebensgefährtin samt Kleinverurteilung (5 Monate bedingt, § 107). Seither halten ihn Freunde über Wasser. Seit „drei Jahren“, er ist 42, hat er sich überall abgemeldet: AMS, Sozialamt. Ihn interessiert das nicht mehr. „Ich habe über 100 Bewerbungen geschrieben“. Das ist für ihn genug. Mittlerweile hat er aber auch keine richtige Wohnung mehr. Und schläft mal dort, mal da. 2008 gab es gar eine Anklage wegen „Räuberischen Diebstahls“, eine Rangelei mit einem Kaufhausdetektiv. Daraus wurden 2 Monate unbedingt am LG Wiener Neustadt nach „Diebstahl“.

Man will nicht tiefer eindringen, die Richterin tut es auch nicht. Es ist im Leben manchmal so, dass der, der in Zweierbeziehungen defensiv auftritt, am Ende der Benachteiligte ist. Auch am Landesgericht Wien, wie seine Verurteilung aus 2004 zeigt. Als der Angeklagte im ersten Durchlauf auf Befragung der Richterin in wenigen Worten und unaufdringlich diese Zusammenhänge erzählt, hat er die Sympathien auf der Seite. Auch der Privatbeteiligtenvertreter der geschädigten Sigmund Freud Universität Anwalt Alfred J. Noll muss sehr oft schmunzeln. Das ist kein unsympathischer Angeklagter. Man merkt, hier ging vor vielen Jahren einiges schief, hier wurde ein Herz so oft gebrochen (wohl auch durch fanatische Fraueneinrichtungen und fanatische Richter, die in seiner 2004-Falllage dabei waren), dass nun das Ergebnis fünf Jahre später das ist, wie es die Fraueneinrichtungen und Richter haben wollen: Einen seelisch abgetöteten Mann. Der trotz allem dem Staat nicht zur Last fällt. Kein Sozialbetrüger, sondern einer „der lernen muss, sich selbst durchzuschlagen“, wie er einmal sagt. Mit zwei Vorstrafen ist das sinnlos, das weiß er. Mit Alimentationsschulden von 20.000 Euro auch. Daher lässt er es bleiben.

Böser Vorwurf: Mini One aus der Garage Niki Laudas entwendet!

Die Richterin will natürlich zum Fall etwas wissen. Bekennt er sich schuldig? „Grundsätzlich schuldig“, sagt er, der mit Pflichtverteidiger kommt. Die Staatsanwältin wirft ihm vor, dass er in der Tiefgarage der Schnirchgasse 9A im 3. Wiener Bezirk einen „Mini One“ (Marke Mini Cooper) der Lauda Motion in Betrieb gesetzt und gestohlen hat. Er fuhr mit dem Werbeauto, das man für 2 Euro pro Stunde mieten kann, zwei Monate in Österreich herum. Außerdem, so der Vorwurf, habe er 13.000 Euro aus einem Tresor der Universität mit einem (gefundenen!) Schlüssel mitgenommen und außerdem einen Laptop aus einem Hörsaal. Das gibt der Angeklagte alles zu. Nur zum Auto sagt er, dass der Schlüssel gesteckt hat, daher ist das laut seinem Anwalt nur ein Diebstahl und kein Einbruchsdiebstahl. Es sind viele Merkwürdigkeiten, die in diesem Prozess aufs Tablett kommen.

Schnirchgasse 9A

So „wohnte“ der Angeklagte eine Zeitlang im Gebäude Schnirchgasse 9A, das die ehemalige Finanzlandesdirektion Wien war. Das Finanzamt ist weg, nun sind andere Firmen eingemietet. Einige Etagen sind überhaupt leer. Hier nächtigen Obdachlose und können sich im Gebäude fast frei bewegen. Das führt zum allgemeinem Schmunzeln im Gerichtssaal. In der Garage, die ebenso unversperrt ist, hat sich die Lauda Motion eingemeitet. Dort stehen reihenweise die Mietwageln. Wie Joachim Franz weiß, der eine Art Hausinsider oder Hausgespenst ist, stecken dort die Schlüssel in allen Autos. „Sie sind betriebsbereit.“ Gegen Diebstahl gesichert sind die Autos offenbar nicht, nur bei der Ausfahrt gibt es einen Schranken, aber kein Garagentor. Joachim Franz, das Hausgespenst von der Schnirchgasse 9A, nutzte am 19. Juni 2009 die Gelegenheit und „borgte“ sich ein Auto aus. Richterin: „Wie lange?“ Angeklagter: „Den Sommer.“ Schmunzeln im Gerichtssal. Richterin: „Und wie sind Sie aus der Garage gekommen?“ Angeklagter: „Eingestiegen und weggefahren.“ Richterin: „Ja, da haben wir Fotos von der Überwachungskamera der Austro Control, die in diesem Haus auch eingemietet ist. Sie zeigen, wie sie den Schranken in einer Kurve am Gehsteig umfahren und hinausfahren.“ Joachim Franz ist ertappt. Dann hat er jedoch noch etwas gemacht.

Der Schauplatz: Schnirchgasse 9A. Sitz der Austro Control, Sigmund Freud Universität und der Garage der Lauda Motion. (Foto: Stadt Wien)

Er schraubte in Oberösterreich von einem anderen Auto die Kennzeichen ab und auf den Lauda-Motion-Werbeleihwagen auf. Nun fuhr er mit „UU“ (Urfahr Umgebung) durch Österreich. „Warum haben Sie das gemacht“, will die Richterin wissen. „Damit das Auto weniger auffällt.“ Im September wollte er, sagt er, das Auto ohnehin wieder zurückgeben. „Warum?“, frägt die Richterin. „Weil dann der Sommer aus ist.“ Der Angeklagte hat aber noch etwas gemacht: Er hat auch einen Laptop aus einem Hörsaal der Privatuniversität mitgenommen. „Warum?“ will die Richterin Burtscher wissen. „Ich dachte, das Laptop kann man verwenden.“ Er stand ungesichert in einem Vortragssaal herum, Marke Asus. Wert: 500 Euro. Dieser Punkt wird im Prozess nur mit drei Sätzen abgehandelt. Der letzte Punkte etwas näher. Richterin: „Die Staatsanwaltschaft legt Ihnen zur Last, sie hätte Geld aus dem Tresor gestohlen. Was sagen Sie dazu? Bekennen Sie sich dazu schuldig?“ Angeklagter: „Mehr oder weniger.“

Nach dem Einbruchsdiebstahl fehlten 400 Kuverts mit Patientenkautionen - 10.000 Euro Schaden! (Foto: Logo SFU)

Es war so: Er fand einen Schlüssel in einem – ebenso – offenen und nicht abgesperrten Büro der Sigmund Freud Privatuniversität auf einem Bürotisch. Der Schlüssel stach ihm sofort ins Auge, denn er lag auf einem Zettel. Darauf stand: „Für Dich, mein Bärli!“ Der Angeklagte konnte nicht widerstehen: „Ich schaute nach, was Bärli ist.“ Es dürfte so ein Psychologenscherz sein, ein verdeckter Hinweis. Denn nur fünf Meter vom Tisch entfernt stand ein Tresor und darauf laut Angeklagtem saß ein „Bär“. (Laut Aussage des Informierten Vertreters der Sigmund Freud Universität war das jedoch ein „Elefant“). Jedenfalls: Joachim Franz sah nach. Steckte den Bartschlüssel ins Schloss des Tresors und er passte. Was sah er? Rund 400 Kuverts. In den Kuverts waren je 25 Euro oder 50 Euro.

400 Kuverts mit Geld

Das waren Patientenkautionen von Leuten, die eine ambulante Psychotherapie beginnen. Sie hinterlegen beim Ersttermin (Vorgespräch) eine Kaution, die verfällt, wenn sie dann nicht mehr kommen. Wenn sie zum Zweittermin kommen, bekommen sie das Geld zurück. So sah der Angeklagte diese Kuverts, öffnete eines und merkte, dass das viel Geld ist. Richterin: „Wieviel Geld war das?“ Angeklagter: „Habs nicht gezählt. 5-6.000 Euro.“ Richterin: „Die Uni sagt: 13.000 Euro.“ Angeklagter, zurückhaltend: „Das bezweifle ich.“ Ein Schöffe fragt: „Haben Sie die Kuverts alle geöffnet?“ Angeklagter: „Ja, im Park.“ Schöffe: „Öffentlich?“ „Ja.“ Richterin: „Wieviel haben sie vom Geld dann verbraucht?“ „Rund 1.500 Euro.“ „Wofür?“ „Für tägliche Dinge und Lebensmittel. Für 1.500 Euro habe ich eine Campingausrüstung gekauft.“ (Und in Tanken investiert. Denn Benzin kostet.)

Am 20. August 2009 wurde er in Klagenfurt im Straßenverkehr aufgehalten und festgenommen. Er hatte noch 6.680 Euro bei sich, die der Universität zurückgegeben wurden. Das Auto wurde auch zurückgegeben. Der Laptop befindet sich noch in der Verwahrstelle des LG Klagenfurt. Dieser kommt auch retour.

Kuvertsystem im Kautionstresor

Ein Thema unter den Zeugen der Universität ist das „Kuvertsystem“ und das „Schlüsselversteck“. Wieso liegt ein Tresorschlüssel offen am Tisch auf einem Zettel mit Hinweis auf den Tresor? Wieviel Geld war tatsächlich im Tresor? Es kommt heraus, dass über die Kuverts nicht Buch geführt wird. Wohl gibt es Listen zu Personen, die eine Psychotherapie machen wollen, wieviel diese aber vorschießen, ist nicht zentral erhoben. Daher kann die Uni nicht genau sagen, wieviel Geld im Tresor liegt. Der Vertreter der Universität, Herbert Ertl, sagt es so (er ist nur Projektmitarbeiter, nicht Angestellter): „Es ist eine Tageskaution für die Ambulanz. Wir haben Kuverts mit 25 Euro und solche mit 50 Euro. Es verhält sich so, dass 80 Prozent kleine Kuverts sind und 20 Prozent solche mit 50 Euro.“ Der Privatbeteiligtenanwalt rechnet am Taschenrechner nach: Wenn das der Verteilschlüssel ist, dann lagen 12.000 Euro im „Kautionstresor“. Diese will er geltend machen. (In Anklageschrift: 10.000 Euro)

Sachertortenschachtel und Plüschelefant

Das Thema „Schlüssel“ ist schon haariger. Hier dürfte die Universität einen Fehler begangen haben. „Normalerweise gibt es ein Tagesversteck. Das ist eine Sachtortenschachtel“, so Ertl. Dort kommt der Schlüssel nach Dienstschluss hin. Doch am Tattag vergaß das jemand und daher lag der Tresorschlüssel offen am Tisch. Er hält auch fest, dass am Tresor kein „Bärli“, sondern ein „Plüschelefant“ steht. Zum Thema Laptop sagt der Zeuge, dass in der Universität so viel gestohlen wird, dass man aufgegeben hat, alles anzuzeigen. Ein weiterer Zeuge bestätigt das. Der 60-jährige Universitätsprofessor Holm spricht ein wenig für den Angeklagten und schildert Dauerzustände. Ja, es ist ein unversperrtes Gesamtgebäude. Es wird laufend etwas gestohlen, „erst vorige Freitag, während der Bürozeit aus einem Büro wieder ein Laptop.“ Richterin: „Kennen Sie den Herrn Joachim?“ „Nein, den kennt niemand.“ Die Frage hat den Hintergrund, weil der Angeklagte sagt, dass er eine Art Haustorschlüssel von einem Freund erhielt und daher regelmäßig dort nächtigte. Richterin: „Ist Übernachten dort möglich?“ „Ja, der ganze fünfte Stock steht leer. Und auch sonst sind sehr viele Räume unversperrt.“

Autoschlüssel steckte, Tresorschlüssel lag am Tisch

Der Angeklagte anerkennt den Schaden von 12.000 Euro. Sein Pflichtverteidiger will beim Autodiebstahl (Mini One) nur den § 128 Abs 1 (Schwerer Diebstahl) und nicht einen „Gewerbsmäßigen Diebstahl“ nach § 130 StGB sehen. Das Schöffengericht verurteilt, aber milde. Tatsächlich beurteilt die Richterin den Autodiebstahl nur als „Diebstahl“ (§ 128 StGB). „Diebstahl beim Auto, aber kein Einbruchsdiebstahl, da der Schlüssel steckte, davon gehen wir im Zweifel für den Angeklagten aus.“ Hingegen wird die Sache mit dem Tresor als „Einbruchsdiebstahl“ (§ 129 StGB) gewertet und die Sache mit dem „Laptop“ (wie Auto und Autokennzeichen „UU“) als einfacher „Diebstahl“ (§ 127 StGB). Es wird aber auf Grund des müden Jahreseinkommens des Angeklagten dennoch auf „Gewerbsmäßigkeit“ (§ 130 StGB) entschieden. Zum Schaden der Privatuni werden nur 10.000 Euro festgesetzt, da keine genauen Aufzeichnungen vorliegen. Auffällig ist, dass sich die Lauda Motion als Geschädigter dem Prozess nie angeschlossen hat und auch keinen Vertreter schickt. Der Firma ging offenbar das Auto nie ab.

Das Urteil: 24 Monate, davon 17 Monate bedingt. Der 45-jährige Angeklagte nimmt nach kurzer Beratung die sieben Monate Haft an. Rechtskräftig.

Marcus J. Oswald (Ressort: Diebstahl, Gericht, Landesgericht Wien) – 13. Oktober 2009, Saal 305, 9 Uhr 00 bis 10 Uhr 35

Advertisements

Razvan Stoicescu im Barbara Mucha Verlag – Zwei Jahre Zusatzhaft

Posted in Einbruch, Fokus Wien, Gericht, Landesgericht Wien by sicherheitwien on 13. Oktober 2009

Am 15. Februar 2009 wurde der Barbara Mucha Verlag Opfer von drei rumänischen Einbrechern.
(Foto: diemucha.at)

(Wien, im Oktober 2009) Jener rumänische Einbrecher, der bereits ein Mal in Österreich wegen Einbruchs in Haft saß (22 Monate), damals vom Bundespräsidenten nach acht Monaten begnadigt und vorzeitig entlassen wurde, derzeit aktuell acht Monate für einen neuen Wohnungseinbruch (am 20. März 2009) in Wiener Haft sitzt, bekommt für einen massiven Einbruch im Barbara Mucha Verlag am 15. Februar 2009 in der Mariahilferstraße 89 eine weitere Zusatzstrafe von zwei Jahren unbedingtes Gefängnis. Er war einer von drei Tätern und ist „geständig“. Seine beiden rumänischen Komplizen sind noch flüchtig. Allein der Sachschaden an der Eingansgtür zum Verlag betrug 21.000 Euro (Tischlerei-Gutachten). Die Beute betrug weitere 30.000 Euro, darunter zwei schwere Handtresore (je 30 Kilo) mit Bargeld und Goldmünzen sowie zwei Luxushandies (4.500 Euro und 7.000 Euro) – alles bis heute spurlos verschwunden.

+++

In Anlehnung an Matthäus 16, 26: Was hülfe es dem Leser, wenn man ein Foto von einem Serieneinbrecher brächte, wenn sich sein Gesicht in den kommenden 39 Monaten, die er abzusitzen hat, wieder verändert? Was sich nicht verändert, ist sein Name: Razvan Stoicescu. Doch auch die Namensnennung macht keinen Sinn. Es gibt Millionen von Rumänen und dieser eine wird sich nach seiner Haft nicht in Österreich niederlassen.

Einer von vielen

Stoicescu ist ein Allerweltstyp, etwa 35 Jahre alt, schlank, dunkle Haare, glatt rasiert, in Jeans und dunklem Pulli. 300 solche Leute gibt es im Gerichtsgefängnis JA Wien-Josefstadt. Es ist nicht Aufgabe dieses Journals, alle mit Foto bekannt zu machen. Denn sie bekommen eine minimale Haft und tauchen wieder ab. 300 neue Rumänen rücken in fünf Jahren nach, die man wieder bildlich bekannt machen müsste. Damit künftige Österreicher eine Ahnung haben, welchen Lebensweg der eine oder andere einschlägt. Doch dieses Prinzip der Berichterstattung muss scheitern, wie die Kraft der medialen Kriminalberichterstattung allgemein scheitern muss, denn die Kraft der Medien ist zu klein.

Dieser Einbrecher denkt sich überhaupt nichts dabei, Geschäfte an Wiener Einkaufsstraßen auszuräumen. Im ganzen knapp dreißigminütigen Strafprozess sagt er kein Wort, dass er den Unterschied zwischen fremdem und eigenem Besitz versteht. Seine Philosophie ist, dass fremdes Eigentum sein Eigentum werden solle. Und das möglichst bald. Dazu ist er nie allein unterwegs. Interessanterweise gibt er an, dass er drei Kinder hat. Diese sind aber in Rumänien. Man hat erwartet, dass er standardgemäß dies angibt: Großmutter starb, Vater wird politisch verfolgt, Frau braucht eine lebenswichtige Operation. Er sagt nur: „Ein Kind braucht eine lebensnotwendige Operation.“ Welches Krankenhaus, wüsste man gerne. Aber es wäre Verschwendung von Atem.

Einmal begnadigt

2008 wurde Razvan Stoicescu in Österreich das erste Mal aktiv. Der damalige Einbruch hatte eine stolze Beute, wurde aber nicht als gewerbsmäßig eingestuft, da es nur einer blieb. Es gab am Landesgericht Wien 22 Monate Haft, die zu Weihnachten 2008 mit einer Begnadigung durch Bundespräsidenten Heinz Fischer endete. Er ging über Weihnachten nach Italien, wo sich viele Rumänen aufhalten. Dann hatte er wieder die Idee, Österreich zu besuchen. Vor Richter Stefan Erdei sagt er, wohl nicht ganz wahr und unwahr: „Ich kam aus Italien nach Österreich, um einen Freund zu besuchen.“ Er kam, will er sagen, privat, ohne Auftrag, wurde nicht von einer Mafiaorganisation „geschickt“. Dann wurde er nach einem singulären Wohnungseinbruch am 20. März 2009 erneut festgenommen und am 20. April 2009 am LG Wels zu einer hohen Haft verurteilt. Acht Monate plus Widerruf der kürzlich vorzeitigen Entlassung (14 Monate), die er soeben absitzt. In der JA Wels gestand er dann im Juli 2009 nach erdrückender Beweislast durch DNA Spuren auf Werkzeugen und am Wiener Tatort im Mucha Verlag, den Einbruch in der Wiener Verlagsgesellschaft. Dafür erhält er am 13. Oktober 2009 noch einmal 24 Monate Zusatzhaft. Bei einer Strafandrohung von 0,5 Jahre bis 5 Jahre „liegt das im unteren Bereich“, so der Richter in seiner Begründung. Mildernd ist, dass er die beiden Komplizen genannt hat, die jedoch über alle Berge sind.

„Habe Schulden bei Zigeunern“ (sagt der Zigeuner)

Das Geständnis, so weit es vorgetragen wird, ist wertlos. Der Einbrecher sagt nur, dass er im Verlag Mucha mit dabei war. Die Freunderln hätten das Objekt ausgewählt. Was gestohlen wurde, dazu schweigt er dann schon wieder. Er habe nicht gesehen, was eingepackt wurde, hatte nur untergeordnete Rollen. Fast möchte man in den Ton der „Kronen Zeitung“-Leserbriefschreiber verfallen. Der Richter macht es anderes, er bleibt still, spricht ganz leise, um seine Stimmbänder zu schonen: „Warum haben Sie mitgemacht?“ „Ich bekam 500 Euro dafür.“ „Wofür brauchten Sie das Geld?“ „Ich habe 5.000 Euro Schulden bei Zigeunern.“ Richter Erdei, zurückhaltend: „Bei Ihnen wurde nur ein kleiner Schraubenschlüssel gefunden? Wie haben Sie damit einen Eisensafe geöffnet? Wie haben Sie das gemacht? Das ist ja nicht so einfach?“ Angeklagter: „Zwei andere hatten größere Schraubenschlüssel.“ Richter: „Wie ist die Beute abtransportiert worden?“ „Mit dem Taxi.“ Richter: „Waren Sie da noch dabei?“ „Mit dem Taxi bin ich nicht mehr mitgefahren“, spielt der Einbrecher seine Rolle herunter. Etwas später sagt er: „Wir fuhren mit dem Taxi weg.“ Er weiß es halt nicht mehr so genau, der Arme. Im Trubel der möglicherweise noch unentdeckten Einbrüche von seiner Hand kann im Kopf schon etwas durcheinander geraten.

Silberbestecke, Kerzenständer

Der Richter, weiter defensiv: „Was wurde gestohlen?“ Angeklagter: „Fünf, sechs Handies.“ Einbrecher macht eine Kunstpause, auf die nichts mehr folgt. Der Richter hilft mit Blick in den Akt nach: „Und zwei Silberbestecke, zwei Kerzenständer, mehr als zehn Handies der Redaktion, auch wertwolle, zwei Handsafes, zwei Taschen.“ Ach ja, dann will der Richter wissen: „Hatten Sie die Taschen schon mitgebracht?“ „Wir haben Sie von dort genommen.“ Richter ergänzt: „Es waren zwei Louis Vuitton – Taschen.“ Und fügt gemächlich hinzu: „Teures Transportmittel.“ Was soll man sich aufregen. Es ist sowieso zwecklos.

Kundenfrust bei Barbara Mucha: Safes weg! (Foto: DieMucha.at)

Und die Safes? Richter: „Was wurde aus den Safes gestohlen?“ „Das habe ich nicht gesehen“, sagt der Einbrecher, der im Trio unterwegs war und nichts gesehen haben will. Richter: „In einem Safe waren 3.000 Euro und Goldmünzen. Im anderen Dokumente.“ Richter: „Haben Sie den Safe vor Ort aufgemacht?“ „Ja.“ Das ist verkürzt, denn etwas später sagt der Einbrecher, dass sie beide Safes im Taxi abtransportiert haben. Das Taxi war vermutlich kein „Taxi“, sondern ein vierter Komplize, denn ein Taxifahrer, bei dem drei Herren mit dicken Taschen und zwei 30 Kilo-Safes einsteigen, muss Wahrnehmungen machen oder beteiligt sein.

Drei Verfahren in zwei Jahren

Die Befragung bleibt kurz. Razvan Stoicescu hat nun in zwei Jahren drei Mal österreichische Landesgerichte beschäftigt. Er kassierte im April 2008 22 Monate, wird entlassen (14 Monate offen). Er kassiert am 20. April 2009 wieder 22 Monate (8 Monate plus Widerruf von 14). Er kassiert nun im Oktober 2009 zusätzliche 24 Monate. Was will man hier über Methoden, Techniken, Können, Hintermänner reden. Das ist ein Mann, der auf Druck alles abgrast, bis es nicht mehr geht.

Der „Informierte Vertreter“ des Barbara Mucha Verlages berichtet kurz und bündig vom Vorfall. Der 35-Jährige arbeitet im Verlag und hat Schadenslisten mit. Allein die Tür wurde massiv zerstört. Der Tischler machte ein Gutachten und eine Reparatur: 21.000 Euro Auslagen. Der Schaden durch den Verlust der Wertgegenstände beläuft sich auf knapp unter 30.000 Euro, sodass im rechtlichen Sinn der „Gesamtschaden“ unter 50.000 Euro bleibt. Dadurch ist die Gesamtanklage bei 0.5 bis 5 Jahre und nicht (beim größeren Coup) bei 1-10 Jahre angezeigt.

Luxushandies

Der Richter frägt einmal nach: „Was sind das für Handies in der Schadensliste um 7.000 und 4.500 Euro?“ Der Mucha-Vertreter erklärt, dass das „Testhandies“ von Luxusherstellern sind, die der Verlag ankauft (naja, wohl manchmal) und dann „unabhängig testet“. Soll sein: „Der Mucha-Verlag kauft von unterschiedlichen Herstellern Elektronikgeräte an und testet sie dann für die Zeitschrift“. (Möglicherweise kauft man die Geräte wirklich an. Aber dazu gibts dann möglicherweise eine 4-c-Werbeseite.) Der Verlagsvertreter bestätigt noch, was in den Tresoren war: Bargeld, ein paar Goldmünzen und viele Verträge und Papiere. Richter: „War das Privatvermögen?“ „Nein, das war Firmeneigentum und Anlagevermögen.“ Die Versicherung ersetzte die Werte, daher verzichtet der Firmenvertreter überraschenderweise sich als Privatbeteiligter anzuschließen.

Im Schlussplädoyer will die Pflichtverteidigerin lustig sein und sagt: „Die haben nicht gewußt, dass so viele wertvolle Gegenstände zu finden sind und haben es vermutlich unter dem Wert verkauft.“ Sei es wie es sei, das ist dann mangelndes kaufmännisches Talent. Zwei Jahre Haft. Der Angeklagte will noch nachdenken, drei Tage und das tut die Staatsanwältin auch. Es wird rechtskräftig werden.

Marcus J. Oswald (Ressort: Einbruch, Fokus Wien, Gericht, Landesgericht Wien) – 13. Oktober 2009, Saal 307, 11 Uhr 20 – 12 Uhr 07

Trafikplünderungen durch Georgier

Posted in Einbruch, Fokus Wien, Gericht, Landesgericht Wien by sicherheitwien on 14. Januar 2005

Doppeltrafikeinbrecher UNIGADZE: Der bullige Mann, 32, gab an, dass er in Georgien die Grundschule absolvierte, danach eine Verteidigerausbildung. Richter Kucera: Welche Art der Verteidigung? Strafverteidigung? - Nein, Selbstverteidigung. (Foto: Marcus J. Oswald)

(LG Wien, im Jänner 2005) Warum plünderten Georgier im Advent 2004 zwei Wiener Trafiken? Gab es im Gastland zu wenig Lesestoff in georgischer Muttersprache? Wurden Sie unfreundlich bedient? Setzten Sie im Lotto groß und gewannen nichts? Der wahre Grund erhellte sich im rasch angesetzten Strafprozess am 13. Jänner 2005 gegen sechs geständnisfreudige Georgier nicht. Die stämmigen Männer saßen mit breiten Schultern drei Stunden auf zwei Anklagebänken wie kleine Buben, denen die Mutter Schimpfe erteilt hatte. Mit gesenktem Haupt und vornübergebeugt. Ohne Blickkontakt zum Richter. Irgendwie scheu, auch wenn die Unschuldsmiene nur gespielt war. Vom Prozess selbst verstanden sie kein Wort. Ein deutsch-georgischer Dolmetscher, rechts vom Richter, der am Nasenrücken die Metallbrille rutschen ließ, mit der er manchmal jonglierte, übersetzte jedes Wort.

Prozesse wie diese haben zu Beginn etwas Gespenstisches, am Ende Einschläferndes. Wenn die Luft im Gerichtssaal dünner wird, beginnen im dritten Spieldrittel, so das Beweisverfahren sich neigt, die Leute zu gähnen. Der ewig gleiche Sermon – Herr Rat fragt etwas, Dolmetsch übersetzt, Angeklagter antwortet georgisch, Dolmetsch übersetzt – bekommt etwas Mandalahaftes. Das wird sich in nächster Zeit nicht ändern. Obwohl die georgische Kriminalität in Österreich statistisch im vergangenen Jahr nachließ, lernen Georgier nach wie vor kein Deutsch, umgekehrt gibt es nur eine Handvoll Österreicher, die Georgisch lernen.

Anklägerin Petra Staribacher erinnerte mich an eine alte Studienbekannte: Diese war nie eine attraktive Frau, aber ehrgeizig. Mit der Zeit wurden die Liebschaften kürzer, ihre Gespräche hektischer, die Lippen immer dünner. Heute ist sie mollig und Mitte Dreißig wie die Staatsanwältin. Diese, eine von vier Frauen unter 19 Männern im Gerichtssaal, presste die Lippen drei Stunden fest zusammen. Das fördert die Konzentration. Diese brauchte sie, um dem Verfahren mit sechs fremdländischen Namen und fremden Biografien zu folgen. Sie meisterte das nicht schlecht. Ihr Strafantrag legte zwei Fälle auf den Tisch.

Trafikeinbruch am Alsergrund bei Erich Tremmel

Am 1. Dezember 2004 schlugen fünf Männer, von denen vier noch flüchtig sind (aktuell werden sie, wie mir der Richter hinterher im Telefonat von meiner Wohnung aus erzählte, mit kleinem Lauschangriff gesucht), in einer Nachtaktion ein körpergroßes Loch in die hölzerne Hintertür der Trafik in der Glasergasse 18. Sie wuchteten um zwei Uhr morgens die Tür auf, die einen eisernen Sicherheitsbalken hatte. Sie schnitten den oberen Holzquader heraus, zwackten mit Bolzenschneider zusätzliche Eisenverstrebungen durch. Davor rissen sie den Lichtsensor von der Nachbarwohnung herunter und warfen ihn in den Keller. Die Einbrecher arbeiteten zwei Stunden, packten in völliger Dunkelheit 1.000 (!) Stangen Zigaretten in 14 schwarze Müllsäcke und nahmen Fahrscheine, Wertzeichen sowie Geld mit. Schaden: 37.000 Euro. Außerdem stahlen sie die jeweils aktuellen Ausgaben der Brigitte und der deutschsprachigen Vogue . Am Lichtsensor fand man später Fingerabdrücke einer Frau. Die Diebe mussten beim Zu- und Abtritt drei geschlossene Türen überwinden: Hauseingangtor, knarrende Foyerschwingtür und die stabile Holzhintertür. Das geschah offenbar vollkommen unbemerkt.

Das Haus Glasergasse 18 ist ein Bürgerhaus am Alsergrund, das um 1900 erbaut wurde. Hier wohnen Langzeitmieter seit Jahrzehnten, familiär, man kennt sich untereinander, auch die Diplomatenfamilie. Der schwergewichtige Präsident der Wiener Ärztekammer, Brigadier Primar Walter Dorner, wohnt hier und betreibt seine Privatpraxis. Auf der Gasse befindet sich die Trafik, die bereits am 12. Dezember 2003 ausgeraubt wurde. Damals wurde Erich Tremmel die Pistole an die Stirn gesetzt.

Trafikeinbruch in Erdberg – in flagranti betreten

Am 11. Dezember 2004 räumten sechs Georgier, die nun geschlossen auf der Anklagebank saßen, eine weitere Trafik in Wien-Erdberg: Schaden: 17.000 Euro. In der Kölblgasse ging jedoch alles schief. Eine Zivilstreife hatte ein Näschen. Die Fahnder schoben ihren Wagen gegen die Einbahn zurück. Vor der Trafik in der Kölblgasse 17 liefen ihnen zwei Georgier direkt in die Arme. Einer kam in vollem Lauf auf den Beamten der WEGA zu, beide stürzten zu Boden, der Beamte verletzte sich am Knie. Vier Täter konnten in die Hohlweggasse flüchten, wurden aber gestellt. Richter Bernhard Kucera lobte im Prozess, dass eine Zivilstreife das Sextett auf frischer Tat betrat – „das geschieht selten heutzutage“.

Vor leeren Rängen (ich war der einzige Zuhörer) saßen sechs Männer, dahinter sechs Pflichtverteidiger, ganz hinten sechs Justizwachebeamte, vorne ein Richter, ein Dolemetsch, ein Schreiber, eine Staatsanwältin. Zwei Georgier wurden erst am 6. Dezember 2004 aus der Wiener Haft (Einbruch) entlassen. Fünf Tage danach folgte der gemeinschaftliche Trafikeinbruch. Auf die Frage von Richter Kucera, der durch seine Harry-Potter-Brille viel Neugier versprühte: „Warum schon nach fünf Tagen wieder ein Einbruch?“ gab es nur ausweichende Antworten: „Probleme in Georgien“, stammelte einer, „schwangere Frau in Georgien“, der andere. Einer zur Frage, warum er überhaupt mitmachte: „Großmutter in Georgien gestorben.“ Der andere: „Vater in Georgien Politiker und hat Probleme.“ Gleichzeitig deponierten alle sechs, dass „sie bald wieder nach Georgien“ zurück wollen. Das offen zur Schau gestellte Heimweh nach Mutter Russland würde Innenministerin Prokop gern hören, allein es waren Schutzbehauptungen, um dem akuten Haftübel zu entgehen. Alle sechs kamen nämlich als Asylsuchende nach Österreich, um in Österreich zu leben und nicht in Georgien. Doch das wäre jetzt höhere Psychologie.

Kennen gelernt hatten sie sich im Asyl Traiskirchen. Später hatten sie sich Wiener Mexikoplatz zusammen getan. An diesem donaunahen Umschlagplatz schlechter Ideen planten sie die Taten minutiös. „Das war keine Zufallstat im Vorbeigehen“, bemerkte Richter Kucera völlig richtig. Auch wenn es Kucera nicht explizit ausführte, ist festzuhalten:

Logistik der Einbrecher: Autos und Schlüssel

Für das nächtliche Betreten beider Zinshäuser, in denen die Geschäfte liegen, braucht man einen Sprechanlagenschlüssel. Für diesen hatten die Georgier, die erst seit Mitte 2004 in Österreich weilen, bereits gesorgt. Das zeigt nicht nur organisatorisches Geschick, sondern auch kriminelle Energie. Dann brauchten sie ein Informationsnetzwerk. Die Männer, die kein Wort Deutsch sprechen, konnten die Trafiken nicht selbst ausspionieren. Trafikant Erich Tremmel von der Glasergasse 18 erinnert sich (allerdings wurde er vom Gericht dazu nicht befragt), dass er Monate vor dem Einbruch, im Spätherbst 2004 regelmäßig Kundschaft aus dem nahe gelegenen Asylheim Glasergasse 27, 1090 Wien, hatte – ein aufgelassenes evangelisches Spital, in dem nun Antragswerber aus der russischen Föderation leben. Lange Zeit kamen wechselweise ein gutes Duzend Kunden, um Zigaretten zu kaufen. Plötzlich, nach dem 1. Dezember 2004, tauchte kein russisch-föderierter Asylwerber um Zigaretten mehr bei ihm auf.

Die Einbrecher waren gerüstet: Die Männer hatten Schneidewerkzeug mit und schwarze Säcke. Zudem zwei Autos. Vor der Trafik in der Kölblgasse 17 fanden die Beamten zwei Autos der Marke Fiat Tipo, die „voller Tschick“ (so Zeuge Bezirksinspektor Grasmut) waren. Zum Abtransport gefüllte Säcke lehnten noch im Stiegenhaus. Beim noch ungeklärten Einbruch in der Glasergasse 18 ist ebenso davon auszugehen, dass zwei Autos für die fünf Männer im Spiel waren. Die bis heute verschwundene Beute war zwei Mal so groß wie in der Kölblgasse und fünf ausgewachsene Männer mußten auch noch mitfahren. Jedoch müsste das jemandem aufgefallen sein, denn selbst Anrainern ist es in dieser Wohngegend abends unmöglich, auch nur eine einzige Parklücke zu finden.

Doppeltäter UNIGADZE nennt Komplizen nicht

Erstaunlich die Mobilität der Asylwerber mit Führerschein. Apropos Auto: Der Richter befragte natürlich alle Angeklagten, wovon sie leben. Alle sechs sagten einhellig, dass sie von der Hilfsorganisation Caritas unterstützt werden. Einer gab an, er beziehe „300 Euro monatlich von der Caritas“. Im selben Atemzug sagte er, dass er einen BMW 520 fährt. Es waren die kleinen Dinge, auf die man hören muss. Wir haben in Österreich tausende Leute, die sich von ihrem Einkommen keine monatliche Autoversicherung leisten können. Synchron dazu Asylsuchende, die BMW 520 fahren.

Ihr Motiv verschwiegen alle Angeklagten eisern. Auch zur Rollenverteilung kein Wort. Gab es einen „Aufpasser“ im Auto, „Haupttäter“ oder einen „Kopf“? Alle verneinten. Unisono sagten sie: „Nein: Alle machten alles.“ Das nennt man Häfensolidarität und gute Absprache – vermutlich getroffen im Wartezimmer beim Gefängnisarzt oder im Spazierhof.

Glatt gelogen wurde allerdings in einem Punkt: „Bestand am Tatort telefonische Verbindung?“, wollte Richter Kucera zum Einbruch Kölblgasse 17 wissen. „Nein, telefoniert wurde nicht“, lautete die Antwort. Nach dem Prozess fiel WEGA-Beamten Florian Macho, ein austrainierter Mann um die Dreißig Jahre und in hautengem, körperliche Vorzüge betonenden Winterpullover, mit dem ich zum Gerichtsausgang hinunter ging, dazu eine Bemerkung ein, die man richtig deuten muss: „Ich bin etwas enttäuscht, dass bei Gericht so schlecht nachgearbeitet wird. Wir wissen, dass am Tatort eifrig telefoniert wurde.“ Doch Staatsanwältin Petra Staribacher, verbissen vertieft in die Fülle georgischer Biografien, interessierte sich für solche Details nicht. Nicht, ob telefoniert wurde. Nicht, mit wem. Nicht, ob es Hintermänner gab. Nicht, wer die Abnehmer der Beute gewesen sein könnten. Nicht, ob Kontakte in Wiener Asylheime bestanden, die potenzielle Käufer der Rauchware sind. Bei Gericht zählt offenbar nur, dass Angeklagte gestehen und dann schweigen. Das Puzzle wird nicht zusammen gesetzt.

Herr UNIGADZE zum Beispiel ist von Beruf Bodyguard und Asylwerber in Österreich seit Ende April 2004. Er beteiligte sich im Advent 2004 an beiden Trafikeinbrüchen in Wien. Zum ersten Einbruch verriet weder seine vier Komplizen, noch wo die Beute blieb. Staatsanwältin Staribacher, der kriminologisches Handwerk eher fremd ist, kam nicht auf die Idee, schärfer nachzufragen, etwa unter Androhung eines härteren Haftübels. Einbrecher UNIGADZE grinste nur: „Ich kenne die vier Komplizen nicht. Nur einen nach dem Spitznamen, die drei anderen kenne ich nicht.“ Georgische Spitznamen halfen nichts. Man möge ihm also glauben, dass er am 1. Dezember 2004 zwei Stunden lang bei völliger Dunkelheit im 5-Mann-Teamwork eine Trafik ausräumte und die Namen seiner Komplizen gar nicht wußte.

Säuerliche Trafikanten als Zeugen

Die geschädigten Trafikanten reagierten als Zeugen sauer. Sie mussten ihre Adventzeit 2004 mehr mit Versicherungsvertretern als mit Kunden verbringen. Trafikant Karl Satzer aus Erdberg, ein Mann um die Fünfzig mit dunklem Schnäuzer, bekam am Tag des Einbruch seine Ware zurück. Zwei Autos mit Diebsgut wurden gelöscht, die Säcke wieder geleert. Er hatte keinen direkten Schaden. „Nur drei Stangen Zigaretten wurden von den Herren zertreten, weil sie drauf gestiegen sind“. Richter: „Die konnten Sie nicht mehr verkaufen?“ Satzer: „Nein.“ Bei Gericht war Satzer sehr gereizt. Auf Fragen von Richter Kucera, wie hoch sein Schaden sei, sagte er mehrfach: „Da muss ich meine Damen fragen.“ Er steht nicht selbst im Geschäft, hat Angestellte. Die rückerstattete Kurzzeit-Beute von 500 Stangen Zigaretten bestätigte er nach langem Blättern in seinen Unterlagen. Volumen: 17.000 Euro. Satzer bestätigte noch, dass die Einbrecher bei ihm nur im hinteren Lagerraum zugriffen und „hier Zigaretten nicht anrührten, die besonders hoch oben liegen, weil es seltene Marken sind“. Danach hatte er nicht mehr viel zu sagen. Er war noch immer wütend auf die Einbrecherbande, als er zur Saaltür hinaus ging, schlug er sie fast hinter sich zu.

Trafikant Erich Tremmel am 3. Dezember 2004 - Alles andere als happy. Der Sicherheitsbalken half nichts. (Foto: Marcus J. Oswald)

Bei Trafikant Erich Tremmel vom Alsergrund ist die Lage anders. Die Diebsbeute aus seinem Lokal tauchte bis heute nicht mehr auf. Zwar ersetzte ihm die Firma Tabaccoland, Zulieferer von 2.300 österreichischen Trafiken, die Rauchware binnen einer Woche. Doch die Versicherung Wiener Städtische, bei der er sein Geschäft in Höhe von 80.000 Euro versichern ließ, zahlte nur 24.000 Euro aus. Bis heute, sechs Wochen nach Einbruch, blieb er auf 13.000 Euro sitzen. Er nahm dafür einen Kredit auf und plant, gegen die Versicherung zu klagen. Denn obwohl in der 42-Seiten starken Versicherungspolizze kein Wort davon steht, dass „Fahrscheine Wertpapiere“ sind, stellt sich die Versicherung auf den Standpunkt, dass die Fahrscheine der Wiener Linien in einen Tresor einzusperren wären, da es „Wertpapiere“ seien.

Danach: Konflikt mit Wiener Städtische und Wiener Linien

Da der Einbruch am 1. Dezember 2004 stattfand, hatte Erich Tremmel noch rund 100 Wochen- und Monatskarten der Verkehrsbetriebe aus dem November im Wert von 8.000 Euro im Geschäft, die er Anfang Dezember, da unverkauft, in der Wiener Linien-Zentrale in Dezember-Karten eingetauscht hätte. Üblicher Ablauf. Doch da die Fahrscheine mit Monatsletztem gestohlen wurden und nicht wieder auftauchten, muss er sie selbst zahlen. Zudem ersetzte die Wiener Städische nur 1.500 Euro Bargeld „pauschaliert“, obwohl über 3.500 Euro Bar- und Wechselgeld gestohlen wurden.

Der 43-jährige Tremmel trägt diese Fakten bei Gericht vor. Er kam in Erwartung, etwas über den Verbleib der Beute zu erfahren. Richter Kucera, mit Wienerischer Einsicht: „Sie haben den Schlauch.“ Und: „Bei den Georgiern gibt es als Privatbeteiligter nichts zu holen.“ Blick zur Staatsanwältin, zu den Anwälten: „Noch Fragen an den Zeugen?“ „Danke.“ „Brauchen Sie eine Zeitbestätigung?“ „Nein, danke.“

So zog sich der Prozess drei Stunden. Richter Bernhard Kucera kam kürzlich vom Wiener Jugendgericht ans Landesgericht Wien. Im Telefonat fünf Stunden nach dem Prozess mit ihm, sagte er, was er mit dieser Information meint: „Es gibt am Landesgericht zwei Arten Richter: Jene, die schon immer hier waren und jene, die vom Jugendgericht herkamen. Ich war am Jugendgericht und wir haben uns lange gegen dessen Schließung gewehrt. Es war nicht zu verhindern. Wir kamen nicht freiwillig. Nun sind wir aber hier am Landesgericht, und ich ändere deswegen nicht meinen Charakter.“

Was meinte Richter Kucera damit? Warum erzählte er das? Was meinte er mit „deswegen ändere ich meinen Charakter nicht“? Ich bezog mich im Telefonat auf sein mildes Urteil. Üblicherweise, wenn Ausländer einen gemeinschaftlichen Einbruch begehen, gibt es am Landesgericht Wien entweder „für alle“ 15 Monate feste Haft oder für alle zwei Jahre. Je nach Vorleben. Richter Kucera wollte mir vermutlich sagen, dass er kein Blutrichter ist, der Strafmasse jahreweise ausschüttet. Das nahm ich auch nicht an, denn seine Prozessführung nahm sich Zeit für Dialog und Erklärung, wo es eigentlich nicht viel zu erklären gab. Es war eine straffe Vorsatztat, massiv und organisiert. Wenn eine fünfköpfige, und zehn Tage später, eine sechsköpfige Männerbande Trafiken mit roher Gewalt öffnet und ausräumt, kann man hinterher das Wort „reumütiges Geständnis“ nicht locker in den Mund nehmen.

Milde Strafen – Doppeleinbrecher erhält sechs Monate

Doch Richter Bernhard Kucera sprach nach fünfminütigem Rückzug in sein Kabinett differenzierte und milde Strafen aus. Alle sechs mussten in Gefängnis. Keiner musste Schaden wiedergutmachen.

Urteile im Detail: Zwei in Österreich vorbestrafte Georgier, die erst am 6. Dezember 2004 auf Bewährung in Wien entlassen wurden und innerhalb von fünf Tagen erneut als Einbrecher zuschlugen, erhielten 14 und 14.5 Monate unbedingt. Zwei unbescholtene Angeklagte kamen mit 12 Monaten teilbedingt davon, jeweils vier Monate unbedingt. Das jüngste Bandenmitglied, soeben volljährig geworden, erhielt 10 Monate (drei unbedingt). Doppeleinbrecher UNIGADZE, der bei beiden Einbrüchen aktiv war, doch zum Trafikeinbruch in der Glasergasse 18 beharrlich zum Verbleib der Komplizen und hohen Beute schwieg, erhielt 18 Monate teilbedingt, davon nur sechs Monate unbedingt. Alle Urteile rechtskräftig.

Die sechs Pflichtverteidiger, bezahlt von der Republik Österreich, waren zufrieden. Murren unter anwesenden Ermittlern. WEGA-Mann Florian Macho, hinterher beim Hinausgehen, ohne jede Illusion: „Man sieht sich in sechs Monaten wieder.“

Marcus J. Oswald (Ressort: Einbruch, Fokus Wien, Gericht, Landesgericht Wien)

%d Bloggern gefällt das: