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Andreas Cwitkovits im Gespräch – Thema Kunstdiebstahl

Posted in Interview by sicherheitwien on 17. Februar 2005

(Wien, im Februar 2005) Komplexer Kunstmarkt: Die Saliera verschwand, der Schrei zwei Mal. Antike Güter unter freiem Himmel sind ein dankbares Fressen für Kunstdiebe. Putten (Engelspärchen) aus Kirchen sind klein und bringen im Wiederverkauf bis zu 10.000 Euro im Paar. Kunstdiebstahl wurde international. Ein Impulsgespräch mit dem Wiener Rechtsanwalt Dr. Andreas Cwitkovits.

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Dr. Andreas Cwitkovits, Wien. (Foto: Oswald)

B&G: Herr Doktor, wird die erweiterte EU eine Verbesserung oder Verschlechterung im Kunstschmuggel bringen?

Cwitkovits: Noch gibt es nationale Exportbeschränkungen. Allerdings in sehr unterschiedlichen Graden. Ganz schwach ist England. Dort gibt es fast keine Exportbeschränkungen, was noch aus der Zeit des Commonwealth herrührt. Ganz streng ist Italien – allerdings nur am Papier! Realität ist wieder etwas anderes. Wie weit die Rechtssicherheit in den neuen EU-Staaten ist, wird sich zeigen, etwa mit Diebsgut aus vielen byzantinischen Kirchen und historischer Kunst aus dem ehemaligen Ostblock. Es wird schwieriger.

B&G: Ist es volksökonomisch nicht so, dass ein Land mit geringen Ausfuhrbeschränkungen einen höher entwickelten Kunsthandelsmarkt hat? Denkmodell: Hohe Beschränkung – schwacher Exportmarkt. Ein steinreicher Japaner investiert eher in einem Land, in der es kaum Auflagen gibt.

C: Stimmt. In England kann der Mäzen einen großen Betrag auf den Tisch legen. In Italien nicht. Daher haben große Auktionshäuser mit ihren Kontakten großen Einfluss auf den globalen Kunstmarkt, da sie Handelsware in Länder transferieren, in denen Ausfuhrbestimmungen kein Problem mehr sind. Musterbeispiel ist die Schweiz. Die Schweiz ist noch liberaler als England. Dort gibt es gar keine Exportbeschränkungen.

B&G: Die Schweiz wollte schon Mitte der 90er Jahre zwei internationale Abkommen unterzeichnen (Unesco-Konvention 1970 und Unidroit-Konvention von 1995). Das scheiterte am Widerstand der Händlerlobby. Vor allem „Unidroit“ sollte die Rückgabe von gestohlener Kunst und die Rückführung illegal ausgeführter Kulturgütern erzwingen.

C: Die Schweizer haben überhaupt eine eigene Moral. Alles, was Geld bringt, ist gut. Aber die Schweiz hat eine Sonderrolle, da nicht EU-Mitglied. Im Aufdeckerbuch eines englischen Journalisten, der zwei Jahre bei Sothebys London arbeitete, wird beschrieben, dass Sothebys Mailand via Schweiz einige Rennaisance-Gemälde und etruskische Grabbeigaben nach London zur Versteigerung brachte. Alle schauten weg.

B&G: Legendär die großen Zollfreilager von Genf, Zürich, Basel und Chiasso, wo Kunst zum „Abkühlen“ ohne Deklaration ruhte. Bereits nach fünf Jahren erlosch in der Schweiz das Rückforderungsrecht für Diebesgut. Themenwechsel: Ist die „Gutgläubigkeit“ im Kunstsektor immer noch das zentrale Thema?

C: Ja. Das heißeste Thema am Kunstmarkt ist der „Gutglaubenserwerb“. Der Kunstmarkt ist voll mit dubiosen Produkten. Falsch oder echt, gestohlen oder nicht-gestohlen, legal oder illegal exportiert. Besonders Länder mit antiker Tradition wie Griechenland, Italien, Ägypten oder Irak haben sehr strenge Exportbestimmungen, wo man fast nichts exportieren darf. Dennoch ist der amerikanische Markt im Moment mit irakischen Statuen überschwemmt. Man weiß nicht immer alles über die Herkunft. Lücken werden von Plünderern nationaler Schätze ausgenutzt, aber sie werden dichter. Ein internationaler „Typenschein“ für Kunstwerke wäre sicher ein Ansatz. Vielfach sind aber die Herkünfte von Kunstwerken schwierig zu recherchieren.

B&G: Welche Rolle spielen die Auktionshäuser?

C: Auktionshäuser haben die Schlüsselrolle. Aber sie leben von Provisionen. Die Häuser sitzen in Staaten, die lockere Exportbedingungen haben. Es gibt für internationale Auktionshäuser und große Galerien freiwillige Verhaltensregeln („rules of conduct“), nach denen Provenienzforschung betrieben wird, wer der Vorbesitzer war. Ob das immer so gemacht wird, ist unklar.

B&G: Was kostet ein einfaches „Pedigree-Gutachten“?

C: Das machen Kunstsachverständige oder internationale Detekteien. Da muss man schon 10.000 Euro Minimum rechnen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Marcus J. Oswald (Ressort: Interview)

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